28. Juni 2008

“Ich habe Hass”

Kategorie: Theater — Dr. Marcuse @ 14:27

Eigentlich sind Filme als Vorlage für Theaterstücke eher ungewöhnlich, aber Sebastian Nübling hat sich an ein solches Unterfangen gewagt. Vorlage für das Theaterstück „Hass“ in den Münchener Kammerspielen ist der gleichnamige Film von Mathieu Kassovitz aus dem Jahre 1995.

Zehn Jahre bevor die Unruhen der Pariser Banlieues 2005 dank einer ausführlichen Berichterstattung der Medien in das deutsche Bewusstsein getreten sind, hat sich der französische Regisseur mit der aussichtslosen Lage der Einwandererkinder in den Vororten beschäftigt. Im Mittelpunkt des Schwarz-Weiß Films stehen der Araber Said, der Jude Vinz und der Schwarze Hubert, deren Leben von Arbeitslosigkeit, Tristesse und Aggression geprägt ist. Auf diese drei Protagonisten treffen wir auch in der Inszenierung von Nübling, nur dass der Zuschauer hier keine krassen Typen, sondern drei Frauen präsentiert bekommt. Die Diskrepanz zwischen Person und Rolle ist für den normalen Theaterbesucher gewöhnungsbedürftig, aber bringt Witz und Charme in die triste Realität des Originals. So entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn die blonde Katharina Schubert mit rotem Schleifchen im Haar den Macho Said zum Besten gibt oder Katja Bürkle als Hubert mit einer Pinocchio-Nase ausgestattet, den Anführer mimt. Brigitte Hobmeier ist der Rebell Vinz, der die Knarre eines Polizisten findet und Rache schwört, sollte ihrem Kumpel Abdel, der seit einem Polizeiverhör im Krankenhaus mit dem Leben kämpft etwas zustoßen. Ansonsten hängen die drei auf der Straße rum und schlagen sich die Zeit mit Kiffen, Quatschen und dem Handy um die Ohren. Adäquater Ausdruck der schäbigen Vorortwelt sind die unzähligen Pappkartons, die den gesamten Bühnenraum einnehmen und für 90 Minuten Schauspielerinnen und Zuschauer begleiten.


© Arno Declair

Nübling verzichtet gewollt auf die radikale und schonungslose Darstellung der Filmvorlage und schafft eine eigene Sicht auf die drei Jugendlichen, die mit vielen Anspielungen und Zitaten auch auf eine gewisse Allgemeingültigkeit außerhalb der Pariser Vororte verweisen. Zudem ist das Ende auf der Bühne weitaus versöhnlicher als das der Vorlage, aber mehr sei nicht verraten.