30. September 2008
Was haben „Harry Potter“, die „Bibel“ und der „Quickfinder Gartenpraxis“ gemeinsam? Sie gehören weder zum gleichen Genre noch haben sie die gleiche Zielgruppe, allerdings konnte jeder dieser Titel einen sensationellen Verkaufserfolg erzielen. Ein Erfolg, der ihnen das Prädikat „Bestseller“ verlieh. Einige dieser so ausgezeichneten Kassenschlager standen nie auf einer Bestsellerliste, andere führten sie monate-, gar jahrelang an. Wie kommt es zu solchen verkaufsstarken Titeln: Absicht oder Zufall? Verlegerisches Talent oder Autorenglück?

Die Herausgeber und Autoren des Buches „Seitenweise Erfolg“ gehen dem Phänomen Bestseller nach und folgen ihm durch Geschichte und Gegenwart. Zahlreiche Interviews mit Experten aus der Branche liefern überraschende Erkenntnisse und manch humorvolle Anekdote aus dem Bestsellergeschäft. Autoren und Lektoren, Verleger und Agenten, Kritiker und Buchhändler werden befragt, inwieweit sie Einfluss nehmen konnten oder einen Plan verfolgten. Besonders an dem Unterfangen ist die Gegenüberstellung von aktuelle Bestseller mit einem historischen Pendant. So trifft beispielsweise Dieter Bohlens „Nichts als die Wahrheit“ auf Klaus Manns „Mephisto“, Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ auf Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ oder aber Tommy Jauds „Vollidiot“ auf Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“.
In sehr aufschlussreichen Artikeln finden spezielle Titel wie die „Bibel“, „Der Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ besondere Berücksichtigung und geben einen umfassenden Überblick über das Phänomen „Bestseller“.
Seitenweise Erfolg –Vierzig Bestseller und ihre Geschichten
Hrg.: Absolventen des Aufbaustudium Buchwissenschaft 2007/2008
Ab Mitte Oktober im Bramann Verlag, 210 Seiten
ISBN: 978-3-934054-93-6
26. September 2008
Mit dem Thema Spiritualität in der Kunst beschäftigt sich die Ausstellung „Auf den Spuren des Geistigen“ in Münchner Haus der Kunst. Die Exposition vereint 200 Werke des 19. und 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, die das kontinuierliche künstlerische Interesse am Geistigen, an der menschlichen Erkenntnis und Empfindungsstruktur bezeugen. In 16 Kapiteln werden Themen verschiedener Epochen aufgefächert: Götterdämmerung; Synkretismus; Jenseits des Sichtbaren; Kosmische Offenbarungen; Absolutum; Homo novus; afrikanische Masken, Ritual, Trance; Ekstase; Profanierung; Homo homini lupus; Sakralkunst; Göttliche Ornamentik; Mythen und Schamanen; Doors of Perception; Zen; Epilog. Präsentiert werden Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Installationen und Videos von 120 Künstlern, darunter Joseph Beuys, Maurizio Cattelan, Paul Chan, Giorgio de Chirico, Marcel Duchamp, Caspar David Friedrich, Francisco de Goya, Damien Hirst, Ferdinand Hodler, Huang Yong Ping, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Martin Kippenberger, Paul Klee, Kasimir Malewitsch, Piet Mondrian, Edvard Munch, Bruce Nauman, Hermann Nitsch, Patti Smith und Paul Thek.
Der Beginn des 20. Jahrhunderts stand unter dem Eindruck einer Glaubenserschütterung. Nietzsches Aussage „Gott ist tot” (1881/1882) und die Behauptung Max Webers von der “Entzauberung der Welt” (1904) zeigen, wie stark sich das Verhältnis des Menschen zur Religion verändert hatte. Doch bedeutete dies nicht das Ende der Metaphysik in der Kunst; vielmehr sind von Wassily Kandinsky bis Francis Bacon, von Joseph Beuys bis Damien Hirst metaphysische Fragen von gleich bleibend hoher Bedeutung.
Francisco de Goyas Radierungszyklus Die Schrecken des Krieges (um 1819-1823) entstand unter dem Eindruck der Gräueltaten, die während der französischen Revolution verübt wurden. In der Radierung „Nada. Ello dirá“ hält ein Kadaver die Botschaft in der Hand, die er aus dem Jenseits sendet: Da ist nichts nada. Gott hat sich in diesen Werken unendlich weit zurückgezogen. Wenige Jahre später kreist Caspar David Friedrich mit Gemälden wie „Ruinen in der Abenddämmerung“ (um 1831) bereits um die Frage, wie das Geistige wieder zu finden sei, ohne auf eine biblische Vorstellungswelt zurückzugreifen. Wie auch andere Künstler der Romantik, sieht er die Antwort in einer von kosmischer Kraft aufgeladenen Natur. Die Ausstellung ist noch bis 11. Januar zu sehen.
24. September 2008
Über Romy Schneider ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Die Bildbände über die deutsch-österreichische Schauspielerin, die am 23. September 70 Jahre alt geworden wäre, sind schier unzählbar. An eine filmische Biographie hat sich bislang noch keiner gewagt, aber jetzt sind für 2009 gleich zwei Produktionen aus Deutschland geplant, die das bewegte Leben der Schauspielerin auf die Leinwand bringen.
In einer Kooperation von SWR, WDR und ORF verkörpert die Moderatorin und Schauspielerin Jessica Schwarz die mythenumwobene Romy, in einem für Anfang 2009 geplanten Fernsehfilm. Der Film konzentriert sich hauptsächlich auf die 60e-Jahre und die Ehe mit dem Schauspieler und Theaterregisseur Harry Meyen (gespielt von Thomas Kretschmann), mit dem sie den später tödlich verunglückten Sohn David Christopher bekam. Das Drehbuch hat Benedikt Röskau, bekannt durch den Film „Contergan“, geschrieben. Zusammen mit Torsten C. Fischer als Regisseur soll ein Film entstehen, der eine Romy Schneider zeigt, wie sie noch keiner kennt.
In dem deutsch-französischen Film „Eine Frau wie Romy“ ist das Seriensternchen Yvonne Catterfeld in der Hauptrolle zu sehen und soll im Herbst 2009 in die Kinos kommen. Lassen wir uns überraschen.
23. September 2008
Hoher Besuch, der sich gestern in Frankfurt am Main blicken ließ. Kein geringerer als Kronprinz Felipe und seine Gattin Letizia beehrten die Main-Metropole um das insgesamt fünfte spanische Kulturinstitut in Deutschland zu eröffnen. Auftakt zum öffentlichen Teil der Institutseröffnung macht der spanische Autor Jorge Semprún zum Thema „Vergangenheitsbewältigung und die Zukunft Europas“. Räumlichkeiten hat das neue Instituto Cervantes im ehemaligen Amerika-Haus, dem denkmalgeschützten Bau von Skidmore, Owings & Merrill gefunden. Was früher Anlaufstelle für Amerika Interessierte im Rhein-Main Gebiet war, wird jetzt zum Ort für deutsch-spanischen Kulturaustausch. Dabei hat Carmen Caffarel, Präsident des Instituto allerdings nicht nur die Iberische Halbinsel im Blick, sondern alle Länder in denen Spanisch gesprochen wird. Bereits 2010 wird Argentinien mit seinen vielen Nachwuchs-Autoren Gastland der Frankfurter Buchmesse.
19. September 2008
Was haben Walt Disney Figuren mit europäischer Kunst zu tun? Dieser Frage geht ab heute die Ausstellung „Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst“ in der Münchner Hypo Kunsthalle nach.
Jeder kennt die großen Klassiker des Zeichentrickfilms, wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), „Fantasia“ (1940) oder „Das Dschungelbuch“ (1967), doch weitgehend unbekannt ist die Tatsache, dass die Bilder dieser Filme in der europäischen Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurzeln. In der Gegenüberstellung von Originalzeichnungen, Malereien, Figurmodellen und Filmausschnitten des frühen Disney Studios (1928-1967) mit Gemälden und Skulpturen von Künstlern der deutschen Romantik, des französischen Symbolismus, der Viktorianischen Malerei und des Surrealismus zeigt die Ausstellung konkrete Verbindungen zwischen der populären und der hohen Kunst, zwischen Literatur und Film sowie zwischen der amerikanischen und europäischen Kultur.
Auf seiner Europareise 1935 erwarb Walt Disney über 350 illustrierte Bücher, neben Märchenbänden auch Klassiker der Literatur- und Kunstgeschichte. Künstler wie Albrecht Dürer, Pieter Breughel, Giovanni Piranesi, Honoré Daumier, Gustave Doré, Gustave Moreau, Victor Hugo, Arnold Böcklin, Franz von Stuck, Moritz von Schwind, Caspar David Friedrich und John Atkinson Grimshaw sind hierbei nur die bekanntesten Inspirationsquellen für seine Figuren. Zudem holte sich Disney europäische Zeichentalente an Bord, wie den Schweizer Albert Hurter, der Schwede Gustaf Tenggren oder der Däne Kay Nielsen.
Das Zusammenspiel zwischen Animation und Kunst zeigt ihren Höhepunkt im Kurzfilm „Destino“, der auf eine Zusammenarbeit von Walt Disney und Salvador Dalí zurückgeht. Der Film wurde erst 2003 fertig gestellt und ist im Rahmen der Ausstellung zu sehen.
Walt Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst
19. September 2008 bis 25. Januar 2009
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
17. September 2008
Jetzt ist es endlich raus: Heute veröffentlichte die Jury in Frankfurt die so genannte Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2008 und gleich geht auch schon die Diskussion in den Feuilletons los. Die einen plädieren für die Abschaffung, andere sehen in dem Auswahlprozedere und der Verleihung nur eine von den Verlagen geplante Marketingstrategie. Sechs Romane aus vormals zwanzig haben nach Ansicht der Experten noch eine Chance, für den besten deutschsprachigen Gegenwartsroman ausgezeichnet zu werden. Allerdings fehlen die großen Namen komplett. Peter Handke hatte im Vorfeld schon Platz für die jüngeren Autoren gemacht, aber auch andere namhafte Kollegen wie Martin Walser, Uwe Timm und Feridun Zaimoglu sind aus dem Rennen um den Deutschen Buchpreis 2008.
Dafür sind es die nicht so bekannten des Literaturbetriebs, die sich noch auf ein Preisgeld von 25.000 Euro freuen dürfen. Nominiert sind Dietmar Dath („Die Abschaffung der Arten“), Sherko Fatah („Das dunkle Schiff“), Iris Hanika („Treffen sich zwei“), Rolf Lappert („Nach Hause schwimmen“), Ingo Schulze („Adam und Evelyn“) und Uwe Tellkamp („Der Turm“). Da kann man der Jury zumindest nicht ankreiden, sie hätten sich von Namen blenden lassen. Der Gewinner wird am 13. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben.
14. September 2008
So wie aus einer zufälligen Begegnung in den Wirren des zweiten Weltkriegs eine besondere Liebe geboren wird, ebenso unerwartet entsteht aus einer zerbrochenen Ketchup-Flasche und der aromatischen Gewürzmischung das Rezept für die Currywurst. In Ulla Wagners Kino-Adaption von Uwe Timms gleichnamiger Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ trifft Lena Brückner (Barbara Sukowa), eine selbstbewusste Frau Anfang 40 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs den zwanzig Jahre jüngeren, fahnenflüchtigen Marinesoldaten Hermann Bremer (Alexander Khuon) und bietet ihm ein Versteck in ihrer Wohnung an. Die beiden kommen sich dort bald näher und vor allem Lena genießt die Liaison mit ihrem jugendlichen Liebhaber, während diesem das Eingesperrtsein zur Qual wird. Um das Liebesglück nicht zu verlieren, verschweigt sie ihm sogar das Ende des Krieges, bis dieser sich eines Tages dennoch aus dem Staub macht.

Foto: Schwarz-Weiß Film
Ulla Wagner legt den Focus vor allem auf die beiden Hauptdarsteller und inszeniert ein emotionales aber keineswegs sentimentales Liebesdrama, das der literarischen Vorlage weitgehend treu bleibt. Vor allem Barbara Sukowa ist einfach grandios in ihrer Rolle.
13. September 2008
Er gehört zweifellos mit zu den ganz großen Künstlern des 20. Jahrhunderts, der 1909 in Dublin geborene Francis Bacon. Seine Bilder erzielen auf Auktionen Rekordpreise und Prominente wie Roman Abramowitsch, die Tochter des Emirs von Katar oder Damien Hirst blättern für Bacons Werke zweistellige Millionenbeträge hin. Jetzt, ein Jahr vor seinem 100. Geburtstag, zeigt die Tate Britain noch bis 4. Januar eine umfangreiche Retrospektive, die alle Phasen des Meisters abdeckt. Die düstere Anfangszeit, die religiös inspirierten Werke ebenso wie die dem Surrealismus nahe stehenden. Zerstückelte oder deformierte Körper, sinnlose Gewalt und Kämpfe prägen viele Bilder des 1992 verstorbenen Künstlers.
Vielleicht malte er soviel Leid, weil sein Leben selbst davon bestimmt war. Bereits mit 16 von daheim verstoßen, weil seine Homosexualität für die Familie nicht tragbar war, ist Bacon völlig auf sich allein gestellt. Mit Prostitution und Diebstählen hält er sich über Wasser, bis er 1927 von seinem Vater zu seinem Onkel nach Berlin geschickt wird. Doch schon kurze Zeit später geht Bacon auf eigene Faust nach Paris, wo er als Innenarchitekt und Designer arbeitet und angeregt durch Picassos Arbeit, selbst anfängt zu malen. Zurück in London 1928 richtet er sich in Kensington ein Atelier ein und stellt in den folgenden Jahren auch regelmäßig aus.
In den 50ern gibt Bacon sein festes Atelier auf. Er besucht seine Familie, die nach dem Krieg nach Südafrika ausgewandert ist. Er lernt den ehemaligen Royal Air Force-Piloten Peter Lacy kennen, mit dem er eine lange Beziehung eingeht. 1954 vertritt Bacon sein Land auf der Biennale in Venedig, 1955 organisiert das Londoner Institut of Contemporary Arts die erste Retrospektive der Werke Bacons. Ausstellungen in New York, Paris und Italien folgen. Bacon besucht Peter Lacy in Tanger und lernt die Schriftsteller der Beat Generation kennen.
1959 nimmt er an der 2. Documenta teil, 1960 bezieht er wieder ein festes Atelier in London. 1962 dann die große Retrospektive in der Tate Gallery – am Vorabend erfährt Bacon vom Alkohol und Drogen geschuldeten Tod seines Freundes Peter Lacy.
Die 60er sind das Jahrzehnt seiner größten Popularität. Erste Künstlermonografien erscheinen, eine Ausstellung folgt auf die nächste. Bacon lernt George Dyer kennen, den er immer wieder porträtieren wird, bis dieser 1971 an einer Überdosis stirbt. Bacon trifft den Fotografen Peter Beard, der durch seine Aufnahmen von verwesenden Elefanten berühmt geworden ist. Bacons neuer Beziehungspartner ist John Edwards, Modell vieler seiner Bilder. Anlässlich einer New Yorker Ausstellung seiner Werke lernt er Andy Warhol kennen. Bacon erwirbt eine Zweitwohnung in Paris. In den 70ern mehrere Ausstellungen in Europa, Mexiko, New York. Weitere Studien zu seinen Werken erscheinen. 1985 dann die zweite große Retrospektive in der Londoner Tate Gallery. 1988 erste Ausstellung in Moskau. 1990 zieht Bacon nach Madrid. Sein chronisches Asthma erzwingt Aufenthalte in einer Privatklinik. Am 28.4.1992 stirbt er dort an Herzversagen.
12. September 2008
Wie fast allen Protagonisten bei Albert Camus wird auch Jean-Baptiste Clamence in „Der Fall“ seine Teilnahmslosigkeit und das sinnlose Herumirren im Leben zum Verhängnis. Der ehemalige Advokat lernt während seines Aufenthalts in Amsterdam in einer Hafenkneipe einen Pariser Tourist kennen, dem er seine Geschichte erzählt. Der Gesprächspartner ist zwar ständig anwesend, kommt aber kein einziges Mal selbst zu Wort.
In seiner Arbeit als Anwalt war Clamence vor allem mit besonders edlen Fällen, wie die Verteidigung von Armen, Waisen und Witwen betraut, die neben fachlichem Können auch noch Großmut, Mitgefühl und Selbstlosigkeit von ihm forderten. Dieser Zustand der anscheinenden Selbstsicherheit wird eines Tages ins Wanken gebracht, als er eines Nachts während eines Spaziergangs, wie aus dem Nichts ein sarkastisches Lachen hört, das ihn zu verfolgen scheint. Diese Begebenheit löst in Clamence den Drang zur Selbstanalyse aus, bei der er feststellen muss, dass seine als tugendhaft getarnten Eigenschaften lediglich Laster im Dienste seines Egoismus und Eitelkeit sind. Nach dieser Selbsterkenntnis wird er zu seinem eigenen Richter. Besonders schwer wiegt die Schuld, als er den Sprung einer Frau in die Seine beobachtet hat, ohne einen Rettungsversuch zu unternehmen. Sein Vergehen besteht darin, sich im entscheidenden Moment herausgehalten zu haben. Doch anstatt sich seine scheinheilige Existenz einzugestehen, schwingt er sich empor und wird zum Bußrichter der ganzen Gesellschaft. Sein Prophetenwort lautet: „Richtet, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Albert Camus lässt seinen Protagonisten das Bibelwort und die damit verbundene Moral in sein Gegenteil verkehren. Anstatt seine Schuld anzuerkennen und zu bereuen, hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, um auch sie von ihrer Mitschuld zu überzeugen. Camus entwirft in „Der Fall“ eine negative, in ihr Gegenteil verkehrte Solidarität des einzelnen mit allen. Ein geniales und intelligentes Buch, das messerscharf die Verlogenheit der Moral seziert und über 50 Jahre nach Erscheinen an Aktualität nichts eingebüßt hat. Ein Buch das ein Leben verändern kann und für das Camus zu Recht den Nobelpreis bekommen hat.
11. September 2008
Zu den weniger bekannten Romanen von Mario Vargas Llosa gehört wahrscheinlich der Roman „La tía Julia y el escribidor“ („Tante Julia und der Kunstschreiber“). Anders als in seinen früheren Romanen setzt sich der Peruaner nicht kritisch mit den Verhältnissen in seinem Heimatland auseinander sondern beschäftigt sich vielmehr mit der Frage nach der Möglichkeit des objektiven Schreibens und gibt dem Text so einen selbstreferentiellen Gehalt.
Erzählt wird die Geschichte von Tante Julia, einer 32-jährigen und attraktiven Bolivianerin, die nach ihrer Scheidung nach Lima kommt, um dort einen neuen Ehemann zu finden. Stattdessen verliebt sich ihr 18-jähriger Neffe Mario, genannt Varguitas, ein ambitionsloser Jurastudent, der sich durch einen anspruchslosen Job in einer Radiostation über Wasser hält, in sie. Sein Traum allerdings ist es sein Leben als Schriftsteller in einer Pariser Dachzimmerwohnung zu verbringen. Aus der anfänglichen versteckten Verliebtheit wird allmählich eine große Liebe, dann ein Skandal: die Familie versucht mit allen Mitteln die Ehe zu verhindern. Mario und Julia fliehen bis sie schließlich in der peruanischen Provinz einen bestechlichen Bürgermeister finden, der den Minderjährigen mit seiner vierzehn Jahre älteren Tante traut.

Foto: Suhrkamp Verlag
Der Roman besteht aus 20 Kapiteln, die sich in zwei Gruppen einteilen. Wird in den ungeraden Kapiteln die Geschichte der Protagonisten Mario und Julia erzählt, handeln die geradzahligen Kapitel von einer unabhängigen, aber in sich geschlossenen „Sex-and-Crime-Geschichte“. Die Hautverbindung zwischen den beiden Polen des Romans bildet Pedro Camacho, ein besessener Radioredakteur, der mit trivialen Fortsetzungshörspielen die Einschalquoten des Senders aufbessern will und für den Mario arbeitet. Camacho steigert sich immer mehr in die von ihm geschaffene Scheinwelt hinein, bis er schließlich seine Figuren und Geschichten selbst nicht mehr auseinander halten kann und alles durcheinander bringt. Wird dem Leser schnell klar, dass die Handlung des Hörspiels in den geraden Kapiteln erzählt wird, löst sich der Knoten der ganz Geschichte allerdings erst im letzten Kapitel auf …. Ein ironisches, humorvolles und intelligentes Werk, das wirklich Spaß macht und zugleich die Probleme, mit denen sich ein seriöser Schriftsteller beim Schreiben konfrontiert sieht, beschreibt.