21. Dezember 2010
Von den Einen gefeiert und von den Anderen verschrien, ist Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ vor allem eines: umstritten. Sarrazin spaltet mit seinem Sachbuch die Lager und sorgt für jede Menge Gesprächs- und Diskussionsstoff. Jedoch schafft er damit auch Fremdenfeindlichkeit und verhärtet die gesellschaftlichen Fronten.
Die Erstauflage, die 25.000 Exemplare umfasste, war rasend schnell ausverkauft und „Deutschland schafft sich ab“ mischt trotz allem – oder vielleicht auch gerade deshalb - noch immer ganz oben auf den anerkannten Bestsellerlisten mit. Der ehemalige Berliner Senator, der mittlerweile nur noch mit Personenschutz das Haus verlassen kann, steht jedenfalls nach wie vor zu seinen gewagten und doch mutigen Worten.
Eigentlich will Thilo Sarrazin mit seiner 464 Seiten umfassenden Gesellschaftskritik nach eigenen Aussagen nur zeigen, „wie wir unser Land aufs Spiel setzen.“ Im Mittelpunkt seines Werkes stehen dabei teilweise angebliche und streckenweise sicherlich auch offensichtliche Problematiken wie der Geburtenrückgang in Deutschland, die steigenden Arbeitslosenzahlen und sinkenden Löhne, der Anwachs der Unterschicht und nicht zuletzt auch die laut Sarrazin „mangelhafte Migrationsbereitschaft“ und die „problematische Zuwanderungsrate“. Doch natürlich kritisiert der ehemalige Bundesbanker und Autor nicht nur unverblümt, er versucht auch Anhaltspunkte und Anstöße zu geben, wie man angeprangerte Problematiken aus der Welt schaffen könnte. Damit tritt er aber auch nicht selten in das eine oder andere Fettnäpfchen.
Der größte Konfliktpunkt an Sarrazins Buch ist dabei nicht einmal, dass der ehrliche Autor in vielen Dingen schlichtweg Unrecht hätte. Selbst Hasser und Kritiker müssen wenigstens an der einen oder anderen Stelle zugeben, dass viele Dinge der bitteren Wahrheit entsprechen. Vielmehr sorgt seine oft etwas schroffe Art und Weise diese anzuprangern dafür, dass die Lektüre selbst Fans und Befürworter wohl ab und an bitter aufstoßen lassen dürfte. Ein besonderes Beispiel hierfür sind die im Buch eher wenig positiv behandelten Themen wie die Zuwanderungsrate und die Immigration in Deutschland. Hier bekommen oft nicht nur die Politik und die Wirtschaft etwas ab, sondern auch einzelne Privatpersonen, die sich angesprochen gefühlt könnten.
Sarrazins Buch ist schwer in Worte zu fassen, wühlt aber eindeutig auf und dürfte die meisten Leser wenigstens nachdenklich zurücklassen – ob man nun mit dem Autor übereinstimmt oder nicht. Das kommt eindeutig auf den Leser selber an und lässt sich nicht pauschalisieren. Jedoch kann man übergreifend sagen, dass Sarrazins Zeilen nicht vollkommen undurchdacht, absolut unbegründet und undifferenziert daherkommen. „Deutschland schafft sich ab“ ist sicherlich einen Blick ins Buchinnere wert – und sei es nur darum, dass man sich eine eigene Meinung bilden kann.
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8. Dezember 2008
Die Dänen haben ja bekanntermaßen einen natürlichen Hang zum Morbiden und Makaberen. Das untermauert jetzt auch Erling Jepsen mit seinem neuen Werk „Die Kunst im Chor zu weinen“, der jetzt endlich auch auf Deutsch erschienen ist. Erzählt wird eine Familiengeschichte aus der südjütländischen Provinz gegen Ende der 1960er Jahre aus der Sicht des elfjährigen Allan.
Die Eltern betreiben dort ein Milchgeschäft, das sich der aufkommenden Konkurrenz der Supermärkte erwehren muss. Um sich etwas Zubrot zu verdienen, hält der Vater Reden auf Begräbnissen. „Wenn Vater eine gute Grabrede hält, dann haben ihn die Leute gern, und wenn die Leute ihn gern haben, dann hat er auch uns gern.“, lautet die naive Einschätzung des Heranwachsenden, dem die Familienharmonie über alles geht. Doch mit Fortschreiten der Handlung treten die Abgründe der Familie und der dörflichen Gemeinde immer deutlicher zum Vorschein. Da wird schon mal der Nachbar verprügelt, wenn er beim Heckenschneiden ein paar Blätter in den angrenzenden Garten fallen lässt oder aber es wird, wenn die Todesfälle mal wieder ausbleiben, einfach nachgeholfen. Durch die Brille des kleinen Allan gesehen, passen sich die Schrecklichkeiten fast reibungslos in die Normalität ein und machen den Text so schwarzhumorig und skurril. „Die Kunst im Chor zu weinen“ wurde auch schon verfilmt und erhielt 2008 prompt eine Oscarnominierung.
Geburtstagsgedichte
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17. November 2008
Endlich meldet sich Carlos Fuentes mit einem neuen Roman zurück. „Alle glücklichen Familien“ heißt der Text des mexikanischen Literaturnobelpreis Anwärters, in dem es aber um alles außer um glückliche Familien geht. Ganz im Gegenteil, Fuentes erzählt von Tragödien und Schicksalen. Genauer gesagt geht es um 16 Familien, die durch vorangestellte Gedichte verbunden, sich zu einem großen und schonungslosen Portrait über Mexiko zusammenfügen. Korruption, Machismo, Unterwerfung der Frauen, Gewalt und Armut, das sind die Hauptthemen des Romans, die Fuentes in den Mikrokosmos Familie transponiert. Da ist ein General, der seinen Sohn verrät, ein Priester, der seine uneheliche Tochter missbraucht oder aber ein vom Sohn verratener Vater.
Carlos Fuentes, der erst kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte wird von der Kritik nicht umsonst als größter lebender Romancier seines Landes gelobt. Die thematisch breit angelegten Geschichten weisen ihn neuerlich als Kenner menschlicher Schicksale, ironisch-distanzierten Gesellschaftskritiker und Sprachstilisten aus.
Liebessprüche
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14. November 2008
Als die Surrealisten sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit den Medien Film und Fotografie zu beschäftigen begannen, war die Forografie fast genau 100 Jahre alt. Seit 1825 hatten Erfinder wie Niecephore Nièpce, Daguerre oder Fox Talbot die Fotografie vielfältig nutzbar und einsetzbar gemacht. Bereits um 1850 war die Fotografie ein neues technisch-industrielles Medium, das neue Sichte und Einsicht gestattete, ein neues Sehen provozierte und gerade im Realismus auch das Bewusstsein für Wirklichkeit, Exaktheit und Detail schärfte. Schon bald wurde das neue Medium zur bedrohlichen Konkurrenz für die Maler, die einzig in der Nachahmung dieser Detailtreu zu bekämpfen war. Sah man die Fotografie in der Jahren 1825 bis etwa 1890 als Kopie der Realität, die von Objektivität, Realismus und Wahrhaftigkeit geprägt ist, kommt Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals auch der Aspekt der Verfremdung ins Spiel. Gerade die Dadaisten zerschnitten die Bilder und arrangierten sie mit anderen Fototeilen zu neuen, dem Kontext des Ursprungsfotos enthobenen Collagen. Bei den Surrealisten schließlich kommt neben dem Überraschungsmoment noch die Elemente der Erotisierung, des Wunsches und des Traumes hinzu. Strategien, die uns heutzutage durch die Dauerbilder der Werbung kaum noch Auffallen, aber im Grunde genommen von den Surrealisten entwickelt wurden.

Zu den Gründern des Surrealismus gehörte 1924 in Paris ein Fotograf - J. A. Boiffard -, zu seinen Mitgliedern zählten Fotografen wie Man Ray, Eli Lotar sowie die erst in den letzten Jahren wiederentdeckten Claude Cahun und Dora Maar. Auch bildende Künstler wie René Magritte, Salvador Dalí und Hans Bellmer nutzten das noch relativ junge Medium. Die Fotografie leistete einen wesentlichen Beitrag zur surrealistischen Ästhetik, denn sie vermochte es, die „Begierde im Blick“ zum Bild werden zu lassen: Metamorphosen, Fetischisierung, Geschlechtertausch, Skandalisierung und Wahnbilder konnte mit dem Einsatz der Fotografie auf Zelluloid gebannt werden.
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13. November 2008
„La Peste“ aus dem Jahre 1947 ist wohl das bekannteste Buch von Albert Camus und auch über 60 Jahre nach seinem Erscheinen noch aktuell und lesenswert. Bereits im Motto weist Camus, der dem chronikartigen Bericht ein Zitat von Daniel Defoe voranstellt – „Es ist ebenso vernünftig, eine Art Gefangenschaft durch eine andere darzustellen, wie irgend etwas wirklich Vorhandenes durch etwas, das es nicht gibt“ – auf den allegorischen Charakter des Romans hin. Die Chronik schildert die seltsamen Ereignisse in der nordafrikanischen Stadt Oran, die sich zunächst in Form von toten Ratten in den Straßen und Hausgängen ereignen. Erst als eine Reihe von Krankheitssymptomen wie Fieber und Beulen unter den Bewohnern die Runde machen, beginnen sich die Menschen zu sorgen, bis schließlich öffentlich von der vermeintlich ausgerotteten Seuche die Rede ist.
Exemplarisch zeigt Camus die Reaktionen auf, die die Krankheit und deren Auswirkung auf das moralische Verhalten anhand einzelner Personen auf. Hauptfigur des Romans ist der Arzt Rieux, der sich am Ende des Textes auch als Chronist der Ereignisse zu erkennen gibt. Er ist es auch, der als erster die Gefahr richtig erkennt und fordert die Stadtverwaltung auf Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu ergreifen. Selbstlos und bis an die Grenzen der Erschöpfung kümmert Rieux sich um die Kranken und Neuinfizierten. Außerdem ist da noch Rambert, ein Pariser Journalist, der eigentlich nur zu Arbeitszwecken in der Stadt verweilt, aber durch den Ausbruch der Seuche gezwungen ist zu bleiben. Seine Versuche die Stadt zu verlassen um zu seiner geliebten Frau zu gelangen scheitern, bis er sich schließlich den freiwilligen Helfertrupps anschließt und in den Kampf gegen die Pest zieht. Auch Grand, ein kleiner Büroangestellter, findet in der Katastrophe eine sinnvolle Tätigkeit. Der Eigenbrödler, dessen Versuch einen Roman zu schreiben nicht über den ersten Satz hinausgeht, fängt an zivile Hilfstrupps und Unterkünfte für die Kranken zu organisieren. Cottard, der sich, eines Verbrechens beschuldigt, das Leben nehmen wollte, nützt die neu gewonnene Freiheit nicht und läuft zum Schluss Amok. Für den Jesuitenpater Paneloux ist die Seuche nichts weiter als ein Gottesgericht, das gerechterweise die Sünder trifft. Er selbst wird von der Pest dahingerafft. Schließlich ist da noch Tarrou, der, nachdem er herausgefunden hat, dass sein Vater als Staatsanwalt Menschen dem Tod auslieferte, seither ein stiller Kämpfer gegen die Todesstrafe ist.
Camus hat in seinem erfolgreichen Roman, der bis heute Pflichtlektüre an französischen Schulen ist, seine Tätigkeit in der Résistance verarbeitet und gilt gemeinhin als Überwindung des Absurden. Nur durch Solidarität, Liebe und Freundschaft ist es möglich einen Ausweg aus der Absurdität des Daseins zu finden, wenngleich diese nie ganz aufgehoben werden kann.
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10. November 2008
Der Prix Goncourt geht in diesem Jahr an afghanische Exil-Schriftsteller Atiq Rahimi. Der 46-Jährige erhält den wichtigsten französischen Literaturpreis für seinen Roman „Syngué sabour“ (Stein der Geduld). Wie seine vorherigen Texte auch, handelt der „Stein der Geduld“ von seinem Heimatland.
In Monologform beschreibt der Roman die Trauer und Ängste einer Frau, die ihren Mann verliert und gleichzeitig in erschütternder Weise ihren Hass gegen ein System der religiösen und politischen Unterdrückung zum Ausdruck bringt.
Rahimi wurde 1962 in Kabul geboren, 1984 flüchtete er vor dem Bürgerkrieg und der Zensur nach Pakistan. Er erhielt Asyl in Frankreich und begann dort nach einer Promotion an der Sorbonne mit der Arbeit als Schriftsteller. Auf Deutsch erschienen von ihm bislang die Bücher „Erde und Asche“ und „Der Krieg und die Liebe“. Das neue Buch soll unter dem Titel „Stein der Geduld“ auf Deutsch im Herbst 2009 bei Ullstein erscheinen.
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27. Oktober 2008
Nicht nur Schachspielern wird die Lektüre „La tabla de Flandes“ (Das Geheimnis der schwarzen Dame) von Arturo Pérez Revert Freude bereiten. Der Spanier hat mit „La tabla de Flandes“ einen äußerst spannenden und intelligenten Kriminalroman geschaffen, der sich des Schachmotivs bedient und aus diesem seine Dynamik entwickelt.
Die Protagonistin Julia, eine angesehene Restaurateurin, stößt bei ihrer Arbeit an einem alten Gemälde auf die geheimnisvolle Inschrift „Quis necavit equitem?“ (Wer hat den Ritter/ Springer getötet?), die eine Röntgenaufnahme zu Tage fördert. Das Bild des flämischen Meisters Pieter van Huys zeigt nämlich zwei adelige Männer, während einer Schachpartie, im Hintergrund steht eine schwarzgekleidete Frau. Diese Inschrift veranlasst Julia sich mit Hilfe von Alvaro, ihrem Ex-Freund und César mit den historischen Hintergründen der dargestellten Personen zu befassen. Bei den Nachforschungen rückt die auf dem Bild dargestellte Schachpartie immer mehr in den Fokus. Julia sucht sich Unterstützung bei einem genialen Schachspieler namens Muñoz, der ganz im Sherlock Holms Stil die Tatsachen analysiert, abwägt und dann logische seine Rückschlüsse zieht. So wie sich die Vermutung eines vergangenen Mordes einer der dargestellten Personen erhärtet, findet auch in der Gegenwart ein Mord statt. Alvaro wird tot aufgefunden. Als Julia schließlich auch noch kleine Kärtchen mit Schachspielzügen findet, wird klar, dass die Ereignisse der Vergangenheit und der Gegenwart in irgendeinem Zusammenhang stehen.
Wer zumindest rudimentär die Schachregeln kennt, wird bestimmt von dem Buch in Bann gezogen. Vor allem durch den intelligenten Gebrauch des Schachmotivs, schafft es Pérez-Reverte typische kriminalistische Effekte wie Spannungsaufbau, falsche Fährten und Doppeldeutigkeit der Spuren zu erzeugen. Das Schachmotiv dient aber auch als intertextuelles Instrument um auf Motive, Texte und Figuren aus den Bereichen der Geschichte, Literatur, Musik und der bildenden Kunst zu verweisen. „La Tabla de Flandes“ ist, auch wenn Kritiker den doch am Schluss etwas zu vorhersehbaren und konstruierten Plot bemängeln, ein postmoderner Krimi par excellence, der es schafft den Text selbst als ein Spiel aus Referenzen, Anspielungen und Zitaten zu lesen.
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16. Oktober 2008
In die Welt des Aberglaubens und der Berggeister versetzt Mario Vargas Llosa seine Leser in dem Roman „Tod in den Anden“, genauer gesagt in das Bergarbeiterdorf Naccos. Dort soll der Polizist Lituma, der schon in Vargas Llosas erstem Erzählungsband „Die Anführer” und seinem Roman „Das grüne Haus“ aufgetreten ist und sein Kollege Tomás Carreño das Verschwinden dreier Männer aufklären. Zu Beginn deutet alles daraufhin, dass die Verschwundenen, ein Albino, ein stummer Behinderter und ein Straßenvorarbeiter, den blutigen Machenschaften der maoistischen Terroristen, die in der Umgebung ihre blutige Revolution machen, zum Opfer gefallen sind oder sich ihnen gar angeschlossen haben. Doch die Terroristengruppe ist nur einer der vielen Erzählstränge des Romans, die Vargas Llosa am Schluss zu einem Ganzen verbindet. Wie in den meisten anderen seiner Romane hat der Peruaner eine Vielzahl von Geschichten und Motiven verwoben. Politik, soziale Verhältnisse, magische Relikte, mythologische Archetypen, - all das führt die Erzählung auf dem Schauplatz des trostlosen Naccos zusammen. Das einzige Vergnügen der Bewohner, die hauptsächlich Arbeiter der dortigen Straßenbaugesellschaft sind, ist das allabendliche Besäufnis in der Dorfkneipe von Dionisos und seiner im Ruf einer Hexe stehenden Frau Doña Adriana. Bei den Befragungen stößt den beiden Ermittlern nur Misstrauen entgegen oder aber die Ereignisse werden durch das Wirken böser Berggeister, die nach Menschenfleisch dürsten erklärt. Wirklich spannend wird hier die Zerrissenheit eines Landes zwischen Tradition und Moderne, Rationalität und Aberglauben dargestellt. Und wie in allen Büchern von Vargas Llosa kommt auch in „Der Tode der Anden“ das große erzählerische Talent des Autors zum Ausdruck. Verschiedene Erzählstränge verweben sich kunstvoll zu einem Ganzen und durch geschickte Perspektivwechsel erschließen sich dem Leser Details aus der Vergangenheit. Auch wenn es an manchen Stellen recht derb und brutal zu geht, das Buch ist bis zur letzten Seite spannend. Mehr sei allerdings nicht verraten.
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10. Oktober 2008
Romain Rolland, André Gide, Albert Camus und viele andere Franzosen haben ihn bekommen, den Nobelpreis für Literatur. In diesem Jahr war ja, nach den abfälligen Äußerungen von Horace Engdahl, dem ständigen Sekretär des Nobelpreiskomitees in Richtung Amerikas Literaturbetrieb ziemlich klar, dass ein Europäer den hoch dotierten Preis abstauben würde. Die Spekulationen im Vorfeld waren wie gehabt rege: Bei den Buchmachern dominierten Claudio Magris aus Italien, der syrischstämmige in Paris lebende Lyriker Adonis und der Israeli Amos Oz, also drei Nicht-Amerikaner. Experten allerdings räumten aber auch Ko Un aus Südkorea oder den beiden US- Autoren, Don DeLillo und Philip Roth große Chancen ein.
Nun ja da lagen allesamt daneben, denn die höchste Auszeichnung hat nun der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio bekommen, der in Deutschland nur einem kleinen Kreis bekannt sein dürfte. Die Schwedische Akademie begründete die Entscheidung mit den Worten er sei ein „Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, dem Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation“. In der Tat beschäftigen sich die Bücher des 68-jährigen hauptsächlich mit fremden Kulturen und Bräuchen. Zwar steht der Debütroman “Le procès-verbal (1963, dt. “Das Protokoll” 1965) des in Nizza geborenen Autors noch im Zeichen des existentialistische geprägten Frankreichs, doch in den Nachfolgewerken richtet sich der Focus immer stärker auf außereuropäische Völker. Das verwundert angesichts der Vita Le Clézio keines Falls.
Sein Studium Philosophie und Literatur begann er in Nizza, setzte es in London und Bristol fort und ging dann als Lektor in die USA. Den Militärdienst absolvierte er in Thailand und Mexiko. Später lebte er noch einige Jahre bei einem Indio-Volk in Panama. Wie der junge Le Clézio 1948 seinen Vater, ein Engländer, der unter anderem als Militärarzt der britischen Armee in Kamerun und Nigeria arbeitete, kennen lernte, verarbeitet der Text „Der Afrikaner“ aus dem Jahr 2007.
Insgesamt hat Le Clézio mehr als 50 Romanen, Essays und Novellen veröffentlicht, von denen allerdings nur wenige ins Deutsche übersetzt worden sind.
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30. September 2008
Was haben „Harry Potter“, die „Bibel“ und der „Quickfinder Gartenpraxis“ gemeinsam? Sie gehören weder zum gleichen Genre noch haben sie die gleiche Zielgruppe, allerdings konnte jeder dieser Titel einen sensationellen Verkaufserfolg erzielen. Ein Erfolg, der ihnen das Prädikat „Bestseller“ verlieh. Einige dieser so ausgezeichneten Kassenschlager standen nie auf einer Bestsellerliste, andere führten sie monate-, gar jahrelang an. Wie kommt es zu solchen verkaufsstarken Titeln: Absicht oder Zufall? Verlegerisches Talent oder Autorenglück?

Die Herausgeber und Autoren des Buches „Seitenweise Erfolg“ gehen dem Phänomen Bestseller nach und folgen ihm durch Geschichte und Gegenwart. Zahlreiche Interviews mit Experten aus der Branche liefern überraschende Erkenntnisse und manch humorvolle Anekdote aus dem Bestsellergeschäft. Autoren und Lektoren, Verleger und Agenten, Kritiker und Buchhändler werden befragt, inwieweit sie Einfluss nehmen konnten oder einen Plan verfolgten. Besonders an dem Unterfangen ist die Gegenüberstellung von aktuelle Bestseller mit einem historischen Pendant. So trifft beispielsweise Dieter Bohlens „Nichts als die Wahrheit“ auf Klaus Manns „Mephisto“, Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ auf Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ oder aber Tommy Jauds „Vollidiot“ auf Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“.
In sehr aufschlussreichen Artikeln finden spezielle Titel wie die „Bibel“, „Der Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ besondere Berücksichtigung und geben einen umfassenden Überblick über das Phänomen „Bestseller“.
Seitenweise Erfolg –Vierzig Bestseller und ihre Geschichten
Hrg.: Absolventen des Aufbaustudium Buchwissenschaft 2007/2008
Ab Mitte Oktober im Bramann Verlag, 210 Seiten
ISBN: 978-3-934054-93-6
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