30. September 2008
Was haben „Harry Potter“, die „Bibel“ und der „Quickfinder Gartenpraxis“ gemeinsam? Sie gehören weder zum gleichen Genre noch haben sie die gleiche Zielgruppe, allerdings konnte jeder dieser Titel einen sensationellen Verkaufserfolg erzielen. Ein Erfolg, der ihnen das Prädikat „Bestseller“ verlieh. Einige dieser so ausgezeichneten Kassenschlager standen nie auf einer Bestsellerliste, andere führten sie monate-, gar jahrelang an. Wie kommt es zu solchen verkaufsstarken Titeln: Absicht oder Zufall? Verlegerisches Talent oder Autorenglück?

Die Herausgeber und Autoren des Buches „Seitenweise Erfolg“ gehen dem Phänomen Bestseller nach und folgen ihm durch Geschichte und Gegenwart. Zahlreiche Interviews mit Experten aus der Branche liefern überraschende Erkenntnisse und manch humorvolle Anekdote aus dem Bestsellergeschäft. Autoren und Lektoren, Verleger und Agenten, Kritiker und Buchhändler werden befragt, inwieweit sie Einfluss nehmen konnten oder einen Plan verfolgten. Besonders an dem Unterfangen ist die Gegenüberstellung von aktuelle Bestseller mit einem historischen Pendant. So trifft beispielsweise Dieter Bohlens „Nichts als die Wahrheit“ auf Klaus Manns „Mephisto“, Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ auf Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ oder aber Tommy Jauds „Vollidiot“ auf Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“.
In sehr aufschlussreichen Artikeln finden spezielle Titel wie die „Bibel“, „Der Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ besondere Berücksichtigung und geben einen umfassenden Überblick über das Phänomen „Bestseller“.
Seitenweise Erfolg –Vierzig Bestseller und ihre Geschichten
Hrg.: Absolventen des Aufbaustudium Buchwissenschaft 2007/2008
Ab Mitte Oktober im Bramann Verlag, 210 Seiten
ISBN: 978-3-934054-93-6
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12. September 2008
Wie fast allen Protagonisten bei Albert Camus wird auch Jean-Baptiste Clamence in „Der Fall“ seine Teilnahmslosigkeit und das sinnlose Herumirren im Leben zum Verhängnis. Der ehemalige Advokat lernt während seines Aufenthalts in Amsterdam in einer Hafenkneipe einen Pariser Tourist kennen, dem er seine Geschichte erzählt. Der Gesprächspartner ist zwar ständig anwesend, kommt aber kein einziges Mal selbst zu Wort.
In seiner Arbeit als Anwalt war Clamence vor allem mit besonders edlen Fällen, wie die Verteidigung von Armen, Waisen und Witwen betraut, die neben fachlichem Können auch noch Großmut, Mitgefühl und Selbstlosigkeit von ihm forderten. Dieser Zustand der anscheinenden Selbstsicherheit wird eines Tages ins Wanken gebracht, als er eines Nachts während eines Spaziergangs, wie aus dem Nichts ein sarkastisches Lachen hört, das ihn zu verfolgen scheint. Diese Begebenheit löst in Clamence den Drang zur Selbstanalyse aus, bei der er feststellen muss, dass seine als tugendhaft getarnten Eigenschaften lediglich Laster im Dienste seines Egoismus und Eitelkeit sind. Nach dieser Selbsterkenntnis wird er zu seinem eigenen Richter. Besonders schwer wiegt die Schuld, als er den Sprung einer Frau in die Seine beobachtet hat, ohne einen Rettungsversuch zu unternehmen. Sein Vergehen besteht darin, sich im entscheidenden Moment herausgehalten zu haben. Doch anstatt sich seine scheinheilige Existenz einzugestehen, schwingt er sich empor und wird zum Bußrichter der ganzen Gesellschaft. Sein Prophetenwort lautet: „Richtet, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Albert Camus lässt seinen Protagonisten das Bibelwort und die damit verbundene Moral in sein Gegenteil verkehren. Anstatt seine Schuld anzuerkennen und zu bereuen, hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, um auch sie von ihrer Mitschuld zu überzeugen. Camus entwirft in „Der Fall“ eine negative, in ihr Gegenteil verkehrte Solidarität des einzelnen mit allen. Ein geniales und intelligentes Buch, das messerscharf die Verlogenheit der Moral seziert und über 50 Jahre nach Erscheinen an Aktualität nichts eingebüßt hat. Ein Buch das ein Leben verändern kann und für das Camus zu Recht den Nobelpreis bekommen hat.
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11. September 2008
Zu den weniger bekannten Romanen von Mario Vargas Llosa gehört wahrscheinlich der Roman „La tía Julia y el escribidor“ („Tante Julia und der Kunstschreiber“). Anders als in seinen früheren Romanen setzt sich der Peruaner nicht kritisch mit den Verhältnissen in seinem Heimatland auseinander sondern beschäftigt sich vielmehr mit der Frage nach der Möglichkeit des objektiven Schreibens und gibt dem Text so einen selbstreferentiellen Gehalt.
Erzählt wird die Geschichte von Tante Julia, einer 32-jährigen und attraktiven Bolivianerin, die nach ihrer Scheidung nach Lima kommt, um dort einen neuen Ehemann zu finden. Stattdessen verliebt sich ihr 18-jähriger Neffe Mario, genannt Varguitas, ein ambitionsloser Jurastudent, der sich durch einen anspruchslosen Job in einer Radiostation über Wasser hält, in sie. Sein Traum allerdings ist es sein Leben als Schriftsteller in einer Pariser Dachzimmerwohnung zu verbringen. Aus der anfänglichen versteckten Verliebtheit wird allmählich eine große Liebe, dann ein Skandal: die Familie versucht mit allen Mitteln die Ehe zu verhindern. Mario und Julia fliehen bis sie schließlich in der peruanischen Provinz einen bestechlichen Bürgermeister finden, der den Minderjährigen mit seiner vierzehn Jahre älteren Tante traut.

Foto: Suhrkamp Verlag
Der Roman besteht aus 20 Kapiteln, die sich in zwei Gruppen einteilen. Wird in den ungeraden Kapiteln die Geschichte der Protagonisten Mario und Julia erzählt, handeln die geradzahligen Kapitel von einer unabhängigen, aber in sich geschlossenen „Sex-and-Crime-Geschichte“ ohne Vibrator. Die Hautverbindung zwischen den beiden Polen des Romans bildet Pedro Camacho, ein besessener Radioredakteur, der mit trivialen Fortsetzungshörspielen die Einschalquoten des Senders aufbessern will und für den Mario arbeitet. Camacho steigert sich immer mehr in die von ihm geschaffene Scheinwelt hinein, bis er schließlich seine Figuren und Geschichten selbst nicht mehr auseinander halten kann und alles durcheinander bringt. Wird dem Leser schnell klar, dass die Handlung des Hörspiels in den geraden Kapiteln erzählt wird, löst sich der Knoten der ganz Geschichte allerdings erst im letzten Kapitel auf …. Ein ironisches, humorvolles und intelligentes Werk, das wirklich Spaß macht und zugleich die Probleme, mit denen sich ein seriöser Schriftsteller beim Schreiben konfrontiert sieht, beschreibt.
Solche Komplikationen sollte es bei einer Heirat Köln nicht geben.
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9. September 2008
Ein Klassiker der argentinischen, experimentellen Literatur ist der Roman „Rayuela“ von Julio Cortázar aus dem Jahre 1963. Rayuela ist die spanische Variante des Kinderspiels Himmel und Hölle, in dem es darum geht, springend durch verschiedene Felder von einem Ort zum anderen und zurück zu kommen. Dieses Strukturprinzip hat Cortázar auf seinen Text angewandt, so dass der Leser die Rolle des Spielers einnimmt und selbst entscheiden kann welchen Weg er sich durch die, in verschiedener Weise kombinierbaren Kapitel bahnt. Dabei schlägt der Autor zwei Leseweisen vor: die lineare, also herkömmliche Leseart von Kapitel 1-56 unter Verzicht auf die Kapitel 57 bis 155, die man (wie der Autor selbst sagt) „getrost beiseite lassen kann“ und eine in „Rayuela“-Weise hüpfende, die zwischen Kapitel die Kapitel 1-54 und 56 die verzichtbaren Kapitel einschiebt und es mit Verweisungen am Ende dem Leser überlässt weitere Möglichkeiten zu suchen.
Inhaltlich steht der argentinische Intellektuelle Horacio Oliveira, der im ersten Teil des Romans (Kap. 1-36, Vom anderen Ufer) in Paris bei einer Bohémien-Gruppe, im zweiten Teil 37-56, Vom hiesigen Ufer) in Buenos Aires lebt, während der dritte Teil hauptsächlich aus Zeitungsmeldungen, Zitaten, Gedichten und Gesprächen besteht, die als Ergänzung zu den beiden anderen Teilen dienen.
Der desillusionierte und verzweifelte Argentinier ist auf der Suche nach sich selbst und einer Daseinsberechtigung, scheitert allerdings immer an seiner eigenen Handlungsunfähigkeit. Ständige Begleiterin und Geliebte Oliveiras im ersten Teil des Buches ist eine Ungarin namens „La Maga“. Die Beziehung der beiden beschränkt sich auf eine rein körperliche, denn bei den Diskussionen der intellektuellen Bohème über Literatur, Jazz, Kunst und Philosophie bleibt sie weitgehend außen vor. Im zweiten Teil setzt Oliveira seine Such in Buenos Aires fort, wo er hauptsächlich Umgang mit seinem alten Freund Traveler und dessen Frau Talita hat und das „absurde Leben“ fortsetzt. In verschiedenen Tätigkeiten sucht Oliveira Fuß zu fassen. Er arbeitet im Zirkus, dann in einer psychiatrischen Klink, wo er sich schließlich selbst ein Zimmer einrichtet um nur noch aus dem Fenster auf die im Hof aufgemalten Kreidestriche des Himmel-und-Hölle-Spiel zu schauen. In der ersten Leseversion bleibt das Ende völlig offen, die zweite deutet auf ein mögliches Weiterleben hin.
„Rayuela“ ist der experimentelle Roman par excellence Lateinamerikas, der sich inhaltlich in die europäische Tradition von Sprachkrise und deren Überwindung einordnet, aber formal durch den spielerischen Charakter und die damit verbundene “aktive” Haltung des Leser besticht.
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5. September 2008
Die Erzählung „Nadja“ aus dem Jahre 1928 von André Breton, dem Meisterdenker der Surrealisten, handelt von einer Begegnung mit einer jungen gleichnamigen Frau. Der Autor begegnet ihr im Oktober 1926 als Flaneur in der Nähe der Pariser Oper und so fasziniert von ihr, dass er sie anspricht. Die kurze, aber intensive Bekanntschaft bringt aber seltsame Ereignisse mit sich.
Nadja verfügt über eine erstaunliche Gabe: sie sagt Ereignisse voraus, die dann auch wirklich eintreten und der Zufall bring die beiden irgendwie immer wieder zusammen. Wenn sie dann gemeinsam durch die Straßen von Paris ziehen, begegnen sie immer wieder den gleichen Zeichen und Symbolen, Nadja spricht Gedanken aus, die Breton gerade denkt oder zitiert Metaphern, die er gerade in einem Buch gelesen hat, ohne diese kennen zu können. So plötzlich die Frau aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder. Erst später erfährt er, dass sie in eine Irrenanstalt eingeliefert worden ist.
Die Begegnung der beiden hat wirklich stattgefunden und Breton hat dieses Ereignis ganz nach seinen eigenen Forderungen im „Surrealistischen Manifest“ umgesetzt. So ist der Stil kein erzählerischer, sondern fast protokollarisch, die Bekanntschaft wird in Tagebuchform geschildert und Begebenheiten werden durch Assoziationen geschildert. Nadja besitzt das, wonach der Surrealismus strebt: ein Geist der nicht den Regeln des Rationalismus unterworfen ist, geleitet von ihrer Intuition, verkörpert sie das surrealistische Ideal.
Zum experimentellen Charakter von „Nadja“ gehören zahlreiche Fotografien, die Breton in den Text eingestreut hat. Sie zeigen hauptsächlich die Schauplätze der Begegnung mit der Titelfigur, aber auch kuriose Objekte und Personen, die im Text erwähnt werden.
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4. September 2008
Das philosophische Essay „Ist der Existentialismus ein Humanismus“ von Jean-Paul Sartre, liegt einem Vortrag zugrunde, den er 1945 vor dem Pariser „Maintenanant“-Club gehalten hat und steht in engem Zusammenhang mit Sartres 1943 publiziertem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Die zentrale These des atheistischen Existentialismus, beruht auf der Überzeugung, dass die Existenz der Essenz vorangeht. Da es für Sartre keinen Schöpfergott gibt, kann es auch keine der tatsächlichen Verwirklichung vorausgehende menschliche Natur geben. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert. Der Mensch baut in der Existenz seine Essenz auf, zuerst als Entwurf und später mittels seiner Handlungen.
Sartre schreibt: “Der Mensch ist nichts anderes als das, was er aus sich macht. Das ist das erste Prinzip des Existentialismus. Das ist es auch, was man Subjektivität nennt und uns unter ebendiesem Namen vorwirft.“ Dieser Selbstentwurf des Menschen vollzieht sich zwar in absoluter Freiheit des Einzelnen aber auch in vollkommener Verantwortlichkeit für die anderen. Da aber für Sartre kein Gott existiert, gibt es demnach auch keine Regeln und Gebote nach denen der Mensch handeln sollt. Aber weil der Mensch sich nur in Bezug zu den anderen definieren und erschaffen kann „gibt es für uns keine Handlung, die den Menschen schaffend, der wir sein wollen, nicht auch zugleich ein Bild des Menschen hervorbringt, wie er unserer Ansicht nach sein soll. Wählen, dies oder das zu sein, heißt gleichzeitig, den Wert dessen, was wir wählen, zu bejahen, denn wir können niemals das Schlechte wählen; was wir wählen, ist immer das Gute, und nichts kann gut für uns sein, ohne es für alle zu sein.” Selbst wenn es einen Gott gäbe, würde das nichts ändern, denn der Mensch muss sich selber wieder finden und sich überzeugen, dass ihn nichts vor ihm selber retten kann, wäre es auch ein gültiger Beweis der Existenz Gottes. So ist jeder in seiner Freiheit verurteilt, d.h. er ist verantwortlich für das, was er ist.
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26. August 2008
Jorge Luis Borges hat sich dank einer neuen Art von Poetik, der so genannten Neophantastik, einen rechtmäßigen Platz in der Weltliteratur gesichert. Eines der wichtigsten und grundlegenden Verfahren zur Erzeugung der dieser Phantastik ist für Borges das Paradox. Die Erzählungen Borges’ fingieren weniger etwas Phantastisches in der Welt als vielmehr ein Weltentwurf als paradoxes Denkgebäude. Anders als in der klassischen Phantastik des 19. Jahrhunderts, tritt in Borges Erzählungen kein rational unerklärliches Phänomen in die erzählte Geschichte ein und erhält dadurch eine phantastische Dimension, Borges entwickelt diese ausschließlich aus sprachlichen Verfahren.
Besonders beliebt bei dem Argentinier ist das eleatisches Paradox von Achill und der Schildkröte. Der griechische Philosoph Zenon behauptete, der Läufer Achill könne kein Wettrennen gegen eine Schildkröte gewinnen, falls diese vor ihm einen gewissen Vorsprung habe. Zenon argumentiert, dass immer dann, wenn Achilles jenen Punkt erreicht hat, an dem die Schildkröte zuletzt war, die Schildkröte jeweils wieder ein Stück weiter ist, so dass Achilles im Laufe des Wettkampfes der Schildkröte zwar sehr näher kommen wird, sie aber niemals vollständig erreichen und somit auch niemals überholen kann.
Dass die Behauptung falsch ist, spielt für Borges keine Rolle ihn interessiert die Raum-Zeit Dimension, die aus in der Aporie aus den Angeln gehoben wird. Vor allem in den Erzählungen des Bandes „Ficciones“ ist das Paradox und der damit verbundene Prozess des regressus in infinitum (Rückgang ins Unendliche), narratives Mittel zur Erzeugung der Neophantastik. So versinkt in der Erzählung die „Die kreisförmigen Ruinen“ ein Magier in einen Traum, in dem er schließlich erkennt, dass er selbst nur Produkt eines anderen Träumers ist. In „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ berichtet Borges selbst über einen von einer Geheimgesellschaft geschaffenen Planeten oder entwirft wie in „Die Bibliothek von Babel“ eine allumfassende Bibliothek, die sich aus allen denkbaren Texten, die aus den Sprachzeichen des Alphabets überhaupt gebildet werden können, zusammensetzt.
Mit paradoxen Gedankengängen und Folgerungen in Verbindung mit Zirkelstrukturen, Spiegel- und Labyrinth Metaphern sowie Textverschachtelungen, schafft Borges ein phantastisch-irrationales Spiel mit der Sprache und Weltentwürfe, die nicht nach den herkömmlichen Regeln der Vernunft funktionieren.
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25. August 2008
Ganz im Zeichen des existentialistischen Freiheitsbewußtsein steht der Erstlingsroman „L’invitée“ („Sie kam und blieb“) von Simone de Beauvoir aus dem Jahre 1943. Als Hintergrund zu diesem Beziehungsroman muss die Freund- und Liebschaft der Autorin zu Jean-Paul Sartre genannt sein. Die beiden lernten sich 1929 während des Studiums an der Sorbonne kennen und unterhielten von da an eine lebenslange Beziehung, die allerdings ohne Heirat, gemeinsame Wohnung oder sonstigen bürgerlichen Zwängen auskam.
Im Mittelpunkt der Handlung steht in „Sie kam und blieb“ die Beziehung zwischen dem Schauspieler und Regisseur Pierre Labrousse und der Schriftstellerin Francoise Miquel und folgt ganz den unkonventionellen Vorstellungen der Autorin über ein ideales Zusammenleben zwischen Mann und Frau. Die Liebe der beiden ist auf gegenseitige Anerkennung, Freiheit und Aufrichtigkeit gegründet. Das harmonische Zusammenleben der intellektuellen Bohemiens wird allerdings durch die Ankunft von Xavière, einer Freundin von Francoise, die sie bei sich aufnimmt, getrübt. Xavière, widerspruchsvoll, zwischen schlechter Laune und überschäumender Fröhlichkeit, Hilflosigkeit und Trotz schwankend, enthüllt allmählich ihren grenzenlosen Egoismus.
Allerdings beginnt Pierre, sich für die junge Femme fatal zu interessieren, so dass aus der anfangs so harmonischen Zweierbeziehung ein Trio wird. Francoise sieht sich immer mehr in die Rolle der Rivalin gedrängt, die sich des intriganten und eitlen Charakters Xaviers nicht anders zur Wehr setzten kann, als sie mit en eigenen Waffen zu schlagen. Von Eifersucht, Erniedrigung und schließlich Hass getrieben, sieht sie keinen anderen Ausweg und tötet Xavière mit Gas. Der Mord als Akt der Selbstbefreiung lässt sie letztendlich wieder zu ihrem eigentlichen Selbst zurückfinden. Zwar ist der Roman nicht gerade reich an Handlung, aber das psychologische Spiel der Figuren und die analytischen Reflexionen Francoise machen den Text lesenswert. Ebenso das Milieu der intellektuellen Boheme in Paris zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist atmosphärisch und realistisch dargestellt.
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22. August 2008
Um die Suche nach der eigenen Bestimmung handelt Alejo Carpentiers Roman „Los pasos perdidos“ (Die verlorenen Spuren) aus dem Jahre 1953. Im Spannungsfeld von abendländischer Zivilisation und indigener-primitiver Kultur versucht sich der namenlose Ich-Erzähler, Komponist und Musikwissenschaftler selbst zu verorten.
Zu beginn des Buches berichtet der Protagonist, ein aus Spanien stammender, inzwischen in den USA lebender Musikwissenschaftler und Komponist über seine unbefriedigende Arbeit als für Film- und Werbemusiker und der in Routine erstarrten Ehe zu seiner Frau Ruth, einer alternden Schauspielerin. Nur die gelegentlichen Seitensprünge zur extrovertierten Mouche, lassen ihn aus seinem Trott entfliehen.

© Suhrkamp Verlag
Reiseberichte
Als seine Frau zu einem länger andauernden Engagement auswärts gerufen wird, erhält der Erzähler von seinem ehemaligen Lehrer den Auftrag mit einer Expedition seltene indianische Musikinstrumente der Ureinwohner ausfindig zu machen. Die Reise, bei der ihn Mouche und der Botaniker Dr. Montsalvatje begleiten, führt in die Einsamkeit des südamerikanischen Dschungels. Dort lernt der Protagonist Rosario kennen, die das Gegenstück zur Affektiertheit und Oberflächlichkeit Mouches bildet. Als diese auch noch seine Geliebte wird, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit Mouche, die von einer Krankheit heimgesucht, die Expedition abbricht. Der weitere Verlauf der Reise gestaltet sich für den Protagonisten zur mythischen Suche, die nicht nur in der Entdeckung der Instrumente sondern auch einer Stadt, deren Bewohner ohne Kontakt zur Zivilisation und nach archaischen Gesetzen leben. Hier schafft es der Erzähler sich zeitweilig selbst zu befreien und fühlt sich an der Seite von Rosario wie im irdischen Paradies. Doch die Flucht aus der Zivilisation endet abrupt, als ein Suchtrupp den Verschollenen findet und zurück in die USA befördert. Eine mediale Hetzkampagne, von seiner eifersüchtigen Frau initiiert, schlägt ihm bereits während des Fluges nach Hause, entgegen. Seine Frau will mit allen Mitteln versuchen die Scheidung der Ehe zu verzögern, um so die Rückkehr ihres Mannes in den Dschungel, wo Rosario zurückblieb, zu verhindern. Doch auch als ihm die Flucht zurück in den Dschungel gelingt, kann er nicht mehr dort anknüpfen, wo er aufgehört hat.
„Die verlorenen Spuren“ verquickt eine Vielzahl an Motiven und Themen. Musikalische Referenzen, biblische Anspielungen und Mythen der klassischen Antike, sowie Referenzen auf die Gralssuche und Tafelrunde, stehen mit den Dschungelpassagen und den „primitiven“ Kulturen, wie dem indianischen Epos „Popol Vuh“ in Beziehung, die sowohl inhaltlich als auch formal die Spannung zwischen Zivilisation und Natur zum Ausdruck bringt.
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17. August 2008
In Europa wirklich zur Kenntnis genommen, wird die lateinamerikanische Literatur eigentlich erst Ende der vierziger Jahre. Eng verbunden mit den Schlagworten „realismos mágico“ (Magischer Realismus) und „nueva novel“ (Neuer Roman), wird diese Zeit - gerne als „Boom“ bezeichnet- vor allem von großartigen Werken der hispanoamerikanischen Erzählliteratur geprägt.
1949 erscheinen zwei Romane, die diesen neuen literarischen Weg in Südamerika kennzeichnen. „Hombre de maiz“ (Maismenschen) des Guatemalteken Miguel Angel Asturias und „El reino de este mundo“ (Das Reich von dieser Welt) des Kubaners Alejo Carpentier. Beide hatten sich in den zwanziger und dreißiger Jahren in Paris aufgehalten und sind dort mehr oder weniger mit den Surrealisten in Kontakt gekommen. In Verbindung mit dem Interesse für andere Lebens- und Denkformen, wie sie die Indios repräsentieren, entstehen erstmals Texte, die aus der Perspektive der Ureinwohner erzählen. Der „Maismensch“ ist im Aufbau fast dem Heiligen Bücher der Mayas identisch, während Carpentier im Vorwort zu „Das Reich von dieser Welt“ die Theorie vom real maravilloso americano (das Wunderbar-Wirkliche Amerikas) in Abwandlung des surrealistischen Begriffs merveilleux quotidien (das Alltäglich-Wunderbaren) entwirft. Magie, Kultisches und Wunderglaube bestimmen die indianischen und afroamerikanischen Völker und verschaffen den Schriftstellern neue Motive und Perspektiven, die anscheinend auch in Europa eine willkommene Lektüre darstellen.
Auch der wohl bekannteste und erfolgreichste Roman der „Boom“-Literatur, „Cien años de soledad“ (Hundert Jahre Einsamkeit) von Gabriel García Márquez spielt mit magisch-indigene Elementen, verschiedensten Zeit- und Wirklichkeitsebenen, der einen entscheidenden Beitrag zur literarischen Richtung des „Magischer Realismus“ beitrug und den Kolumbianer schlagartig weltberühmt machte.
Weitere wichtige Vertreter des Booms sind der Peruaner Mario Vargas Llosa mit dem erzähltechnisch anspruchsvollen Roman „La casa verde“ (Das grüne Haus), der Mexikaner Carlos Fuentes kombiniert in seinem Roman „Cambio de piel“ rational-realistische Beschreibungen und magisch-phantastische Elemente, ebenso wie der Argentinier Ernesto Sabato in dem monumentalen Roman „Sobre héroes y tumbas“ (Über Helden und Gräber).
Aber auch in Romanen, die den Versuch untenehmen die politischen Verhältnisse in Südamerika zu verarbeiten, wie der lateinamerikanische Diktatorenroman, tritt die magisch-indigene Perspektive in den Vordergrund. Neben „El Señore Presidente“ (1946) von Asturias, gehören García Márquez’ „El otoño del patriarca“ (Der Herbst des Patriarchen, 1975), Carpentiers „El recurso del método“ (Staatsraison, 1974) und „Yo el supremo“ (Ich, der Allmächtige, 1974) des Paraguayaners Augustos Roa Bastos zu den bedeutendsten Diktatorenromanen, die während der Zeit des Boom entstanden sind.
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