22. Juli 2008

Die Stadt und die Hunde

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Dr. Marcuse @ 11:40

Eines der grandiosesten und erzähltechnisch komplexesten Bücher aus der Feder des Peruaners Mario Vargas Llosa ist „Die Stadt und die Hunde“ (La ciudad y los perros) aus dem Jahre 1962.

Der Roman behandelt das Thema des Heranwachsens junger Menschen in einer korrupten Gesellschaft. Ort des Geschehens ist die Kadettenanstalt „Colegio Militar Leoncido Prado“ in Lima. In diesem Mikrokosmos eingebettet, sind die Kadetten, kurz „Perros“ (Hunde) genannt. Hier herrscht das Recht des Stärkeren. Die Geschichte kreist um vier Protagonisten Alberto Fernández, genannt „El Poeta“ (der Dichter), Porfirio Cava, Boa und ihr Anführer „El Jaguar“, die ihr letztes Jahr an der Militärschule vor sich haben. Als der Kadett Ricardo Arana, nur „El Esclavo“ genannt, ein Mitglied der Gruppe wegen einer Missetat verrät. „Jaguar“ will sich wegen des Verrats an ihm rächen, aber geht dabei zu weit: bei einer Übung erschießt er den „Sklaven“. Seine Täterschaft bleibt zunächst unentdeckt und am Ende der Ermittlungen wird der Vorfall als ein bedauerlicher Unfall dargestellt. Nur Alberto hat den „Jaguar“ gesehen und verfällt in einen moralischen Konflikt, die Wahrheit zu offenbaren oder sie für sich zu behalten. Als er sich schließlich Leutnant Gamboa anvertraut, will dieser keinesfalls die Untersuchungen neu aufrollen, sondern den wahren Sachverhalt verschleiern, um den Ruf der Militäranstalt nicht zu gefährden. Alberto muss seine Anschuldigungen widerrufen.

Die kriminalistische Geschichte ist sehr komplex strukturiert, vor allem, was die Charaktere der Protagonisten betrifft. Keiner von ihnen ist nur gut oder nur böse. Die Figuren treten alle als selbstständige Erzähler auf, die durch einen eigenen Sprachstil und eine unverwechselbare Ausdrucksweise charakterisiert sind. Ein krasses, aber tolles Buch.

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13. Juli 2008

Tlön, Uqbar, Orbis Tertius

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Nic Knatterton @ 11:25

Eine der genialsten Erzählungen von Jorge Luis Borges ist meiner Ansicht nach Tlön, Uqbar, Orbis Tertius. Der einleitende Text des Bandes „Ficciones“ aus dem Jahre 1944 kann als das Paradebeispiel von Borges’ Neophantastik angesehen werden. Ganz ohne Geister, Gespenster oder Ufos kreiert der Ich-Erzähler Borges mit den Mitteln der Rationalität und Logik ein ganz neues Land.

Ausgangspunkt der Geschichte ist eine abendliche Diskussion zwischen Borges und seinem Freund Adolfo Bioy Casares fällt der Name Uqbar. Auf der Suche nach Hinweisen über dieses mysteriöse Land finden beide schließlich eine Reihe von Informationen in der Anglo-American Cyclopedia, die ebenso wie weitere Quellen vom Autor frei, aber überzeugend erfunden sind. Auf der Suche nach Beweisen für die Existenz des Imaginären Landes, stößt der Ich-Erzähler auf eine Enzyklopädie von Tlön. Die Weltsicht der Bewohner Tlöns ist von einem rigiden Idealismus geprägt: in ihrer Sprache gibt es keine Substantive, an Stelle der Metapysik haben die Tlönisten die phantastische Literatur gesetzt. Entstanden ist das Reich als Erfindung einer Geheimgesellschaft des 17. Jahrhunderts, deren Pläne von einem reichen Amerikaner schließlich realisiert worden seien. In einem Nachtrag von 1947, der ebenso wie die vielen Fußnoten im Text als Beglaubigungsstrategie des Erzählten dienen, wird das allmähliche Eindringen des Tlönismus in die reale Welt verkündet.

Durch das Spiel mit philosophischen Ideen, fernöstlichen Weisheiten und deren paradoxen Umdeutungen gepaart mit fiktiven Quellen und Büchern entsteht so ein kohärentes Konstrukt aus Wirklichkeit und Fiktion. Allerdings sollte der Leser sich nicht auf die Suche nach Authentizität der unglaublich zahlreichen Zitate und Anspielungen machen, denn das verdirbt das Lesevergnügen gewaltig.

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5. Juli 2008

Der blinde Bibliothekar

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Dr. Marcuse @ 17:05

Eine ganz herausragende Stellung in der modernen Südamerikanischen Literatur nimmt Jorge Luis Borges ein. 1899 in Argentinien, Buenos Aires als Sohn eines Anwalts und Psychologiedozenten geboren, verbringt er eine weitgehend unbeschwerte Kindheit. Dank der britischen Wurzeln seines Vaters wächst er zweisprachig auf. Mit der Übersiedlung 1914 nach Genf und dem Besuch des dortigen Gymnasiums lernte er zudem Latein, Französisch und Deutsch. Sein Interesse für Literatur tritt bereits früh zum Vorschein, so dass Borges seine Freizeit in der internationalen Bibliothek seines Vaters verbringt. Vor allem die Philosophie und Metaphysik haben es ihm angetan, aber auch die Bibel, die Kabbala und der Koran gehören zu seiner Lektüre, ebenso wie Cervantes, Kafka und Shakespeare.

1921 kehrt Borges nach Buenos Aires zurück, wo er Beiträge in zahlreichen Literaturzeitschriften veröffentlicht und die Wandzeitung “Prisma” ins Leben ruft. Die Lyrik dieser Zeit bringt das Interesse des Dichters an der Geschichte Argentiniens und seine Liebe zu Buenos Aires zum Ausdruck. 1930 lernte Borges den Autor Adolfo Bioy Casares kennen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit verband. Überschattet ist sein Leben von der vorschreitenden Netzhautabnutzung, die ihn immer schlechter sehen lässt und in Blindheit gipfeln wird.

Erst als der Vater 1938 stirbt, muss Borges sich erstmals in seinem Leben Gedanken um seinen Lebensunterhalt machen. Die Beiträge und Essays werfen zu wenig ab, so dass er mit fast vierzig als Hilfskraft in einer zweitklassigen Bibliothek anheuert. Da ihm die Arbeit nicht über den Kopf wächst, nutzt er die Zeit sein enormes Bücherwissen zu verarbeiten und beginnt, seine mittlerweile weltberühmten Erzählungen zu verfassen. Fast 3000 Jahrhunderte abendländische Geistesgeschichte und Weltkultur verarbeitet Borges in seinen Erzählungen unterschiedlichster Genres, die aller eine Gemeinsamkeit haben: sie sind Referenz und Zitat auf Fremd- und Eigentexte. Paradebeispiel hierfür ist zweifelsohne die Erzählung Ttlön, Uqubar, Orbis Tertius.

Mitte der 50er Jahre, fast schon vollständig erblindet, wird er zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek in Buenos Aires ernannt und lehrt nebenbei englische Literaturwissenschaft an der Universität. Internationale Berühmtheit erlangt Borges als er 1961 zusammen mit Samuel Beckett den Prix Formentor bekommt. Mit der Liebe klappt es erst 1986, als er kurz vor seinem Tod seine Assistentin María Kodama heiratet. Hinterlassen hat uns der blinde Bibliothekar eine Vielzahl an Essays, Gedichten und Erzählungen, ohne die die Literatur der Postmoderne kaum denkbar wäre.

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