13. November 2008

Albert Camus’ „Die Pest“

Kategorie: Französischer Existentialismus, Literatur — Dr. Marcuse @ 18:28

„La Peste“ aus dem Jahre 1947 ist wohl das bekannteste Buch von Albert Camus und auch über 60 Jahre nach seinem Erscheinen noch aktuell und lesenswert. Bereits im Motto weist Camus, der dem chronikartigen Bericht ein Zitat von Daniel Defoe voranstellt – „Es ist ebenso vernünftig, eine Art Gefangenschaft durch eine andere darzustellen, wie irgend etwas wirklich Vorhandenes durch etwas, das es nicht gibt“ – auf den allegorischen Charakter des Romans hin. Die Chronik schildert die seltsamen Ereignisse in der nordafrikanischen Stadt Oran, die sich zunächst in Form von toten Ratten in den Straßen und Hausgängen ereignen. Erst als eine Reihe von Krankheitssymptomen wie Fieber und Beulen unter den Bewohnern die Runde machen, beginnen sich die Menschen zu sorgen, bis schließlich öffentlich von der vermeintlich ausgerotteten Seuche die Rede ist.

Exemplarisch zeigt Camus die Reaktionen auf, die die Krankheit und deren Auswirkung auf das moralische Verhalten anhand einzelner Personen auf. Hauptfigur des Romans ist der Arzt Rieux, der sich am Ende des Textes auch als Chronist der Ereignisse zu erkennen gibt. Er ist es auch, der als erster die Gefahr richtig erkennt und fordert die Stadtverwaltung auf Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu ergreifen. Selbstlos und bis an die Grenzen der Erschöpfung kümmert Rieux sich um die Kranken und Neuinfizierten. Außerdem ist da noch Rambert, ein Pariser Journalist, der eigentlich nur zu Arbeitszwecken in der Stadt verweilt, aber durch den Ausbruch der Seuche gezwungen ist zu bleiben. Seine Versuche die Stadt zu verlassen um zu seiner geliebten Frau zu gelangen scheitern, bis er sich schließlich den freiwilligen Helfertrupps anschließt und in den Kampf gegen die Pest zieht. Auch Grand, ein kleiner Büroangestellter, findet in der Katastrophe eine sinnvolle Tätigkeit. Der Eigenbrödler, dessen Versuch einen Roman zu schreiben nicht über den ersten Satz hinausgeht, fängt an zivile Hilfstrupps und Unterkünfte für die Kranken zu organisieren. Cottard, der sich, eines Verbrechens beschuldigt, das Leben nehmen wollte, nützt die neu gewonnene Freiheit nicht und läuft zum Schluss Amok. Für den Jesuitenpater Paneloux ist die Seuche nichts weiter als ein Gottesgericht, das gerechterweise die Sünder trifft. Er selbst wird von der Pest dahingerafft. Schließlich ist da noch Tarrou, der, nachdem er herausgefunden hat, dass sein Vater als Staatsanwalt Menschen dem Tod auslieferte, seither ein stiller Kämpfer gegen die Todesstrafe ist.

Camus hat in seinem erfolgreichen Roman, der bis heute Pflichtlektüre an französischen Schulen ist, seine Tätigkeit in der Résistance verarbeitet und gilt gemeinhin als Überwindung des Absurden. Nur durch Solidarität, Liebe und Freundschaft ist es möglich einen Ausweg aus der Absurdität des Daseins zu finden, wenngleich diese nie ganz aufgehoben werden kann.

12. September 2008

Albert Camus „Der Fall“

Kategorie: Französischer Existentialismus, Literatur — Dr. Marcuse @ 13:41

Wie fast allen Protagonisten bei Albert Camus wird auch Jean-Baptiste Clamence in „Der Fall“ seine Teilnahmslosigkeit und das sinnlose Herumirren im Leben zum Verhängnis. Der ehemalige Advokat lernt während seines Aufenthalts in Amsterdam in einer Hafenkneipe einen Pariser Tourist kennen, dem er seine Geschichte erzählt. Der Gesprächspartner ist zwar ständig anwesend, kommt aber kein einziges Mal selbst zu Wort.

In seiner Arbeit als Anwalt war Clamence vor allem mit besonders edlen Fällen, wie die Verteidigung von Armen, Waisen und Witwen betraut, die neben fachlichem Können auch noch Großmut, Mitgefühl und Selbstlosigkeit von ihm forderten. Dieser Zustand der anscheinenden Selbstsicherheit wird eines Tages ins Wanken gebracht, als er eines Nachts während eines Spaziergangs, wie aus dem Nichts ein sarkastisches Lachen hört, das ihn zu verfolgen scheint. Diese Begebenheit löst in Clamence den Drang zur Selbstanalyse aus, bei der er feststellen muss, dass seine als tugendhaft getarnten Eigenschaften lediglich Laster im Dienste seines Egoismus und Eitelkeit sind. Nach dieser Selbsterkenntnis wird er zu seinem eigenen Richter. Besonders schwer wiegt die Schuld, als er den Sprung einer Frau in die Seine beobachtet hat, ohne einen Rettungsversuch zu unternehmen. Sein Vergehen besteht darin, sich im entscheidenden Moment herausgehalten zu haben. Doch anstatt sich seine scheinheilige Existenz einzugestehen, schwingt er sich empor und wird zum Bußrichter der ganzen Gesellschaft. Sein Prophetenwort lautet: „Richtet, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Albert Camus lässt seinen Protagonisten das Bibelwort und die damit verbundene Moral in sein Gegenteil verkehren. Anstatt seine Schuld anzuerkennen und zu bereuen, hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, um auch sie von ihrer Mitschuld zu überzeugen. Camus entwirft in „Der Fall“ eine negative, in ihr Gegenteil verkehrte Solidarität des einzelnen mit allen. Ein geniales und intelligentes Buch, das messerscharf die Verlogenheit der Moral seziert und über 50 Jahre nach Erscheinen an Aktualität nichts eingebüßt hat. Ein Buch das ein Leben verändern kann und für das Camus zu Recht den Nobelpreis bekommen hat.

4. Juli 2008

Albert Camus – „Der Fremde“

Kategorie: Französischer Existentialismus, Literatur — Dr. Marcuse @ 16:57

Die Erzählung „Der Fremde“ aus dem Jahre 1942 gehört zu Albert Camus bekanntesten Texten und hat ihn auf einen Schlag berühmt gemacht. Die Ich-Erzählung schildert in klarer und knapper Sprache die Geschichte des Protagonisten Meursault, der ohne Sinn und Bindung sein Leben dahinlebt, bis ihn ein Zufall zum Mörder macht.

Das frühe erzählerische Werk steht gedanklich mit dem philosophischen Essay “Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde” aus dem selben Jahr in Verbindung. Mersault, ein französischer Angestellter in Algier, beginnt seinen Bericht, als er die Nachricht vom Tode seiner Mutter erhält. Schon vor Jahren hat er diese in einem Altersheim außerhalb der Stadt untergebracht, „da sie sich nichts mehr zu sagen hatten“. Zurück in Algier, trifft er seine Arbeitskollegin Maria mit der er die Nacht verbringt. Ein paar Tage später bittet ihn sein Nachbar Raymond einen Brief für ihn zu schreiben. Zum Dank lädt dieser ihn ans Meer ein, wo sie am Strand einem Araber, dem Bruder von Raymonds Freundin begegnen, mit der er einen Streit gehabt hat. Der Mann bedroht ihn und es kommt zu einem kurzen Handgemenge. Mersault konnte vorher Raymonds Revolver an sich nehmen, um Schlimmeres zu verhindern. Als er den Araber später noch einmal zufällig trifft und dieser sein Messer zieht, greift Mersault, von Sonne und Wein leicht benebelt, nach dem Revolver und erschießt ihn. Vom Gericht des vorsätzlichen Mordes angeklagt, wird er für schuldig befunden und zum Tode durch das Beil verurteilt. Während seiner letzten Tage bereitet er sich auf den Tod vor.

Albert Camus
Albert Camus, © Rowohlt Verlag

Geprägt ist der Text durch einen Ich-Erzähler, bei dem jegliche Reflexion ausgeschaltet ist. Mersault erlebt seine Umwelt so als ob sie ihn gar nicht beträfe. Sein Leben gleicht einer Aneinanderreihung von zufälligen Geschehnissen ohne kausalen Zusammenhang. Das wird ihm auch in der Gerichtsverhandlung zum Verhängnis: die Gefühllosigkeit am Grab seiner Mutter, die darauf folgende Liebschaft, der Brief, den er für seinen Nachbarn, ein Mann zweifelhafter Moral, schrieb, das alles wird als Zeichen krimineller Veranlagung gewertet und gerechtfertigt in den Augen des Gerichts die Verurteilung. Ohne Reue oder ein Schuldeingeständnis nimmt er sein Urteil entgegen und ist in der Stunde seines Todes „zum erstenmal empfänglich für die zarte Gleichgültigkeit der Welt.“ Mersault ist ein Fremder in einer selbst entfremdeten Gesellschaft, der mit seiner Haltung die fragwürdigen Formen und moralischen Ansprüche derselben aufdeckt. Ein leiser Rebell, der zu Recht zu den großen Figuren des literarischen 20ten Jahrhunderts gehört.