22. August 2008

„Die verlorenen Spuren“ von Alejo Carpentier

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Dr. Marcuse @ 13:16

Um die Suche nach der eigenen Bestimmung handelt Alejo Carpentiers Roman „Los pasos perdidos“ (Die verlorenen Spuren) aus dem Jahre 1953. Im Spannungsfeld von abendländischer Zivilisation und indigener-primitiver Kultur versucht sich der namenlose Ich-Erzähler, Komponist und Musikwissenschaftler selbst zu verorten.

Zu beginn des Buches berichtet der Protagonist, ein aus Spanien stammender, inzwischen in den USA lebender Musikwissenschaftler und Komponist über seine unbefriedigende Arbeit als für Film- und Werbemusiker und der in Routine erstarrten Ehe zu seiner Frau Ruth, einer alternden Schauspielerin. Nur die gelegentlichen Seitensprünge zur extrovertierten Mouche, lassen ihn aus seinem Trott entfliehen.

Die verlorenen Spuren
© Suhrkamp Verlag

Reiseberichte

Als seine Frau zu einem länger andauernden Engagement auswärts gerufen wird, erhält der Erzähler von seinem ehemaligen Lehrer den Auftrag mit einer Expedition seltene indianische Musikinstrumente der Ureinwohner ausfindig zu machen. Die Reise, bei der ihn Mouche und der Botaniker Dr. Montsalvatje begleiten, führt in die Einsamkeit des südamerikanischen Dschungels. Dort lernt der Protagonist Rosario kennen, die das Gegenstück zur Affektiertheit und Oberflächlichkeit Mouches bildet. Als diese auch noch seine Geliebte wird, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit Mouche, die von einer Krankheit heimgesucht, die Expedition abbricht. Der weitere Verlauf der Reise gestaltet sich für den Protagonisten zur mythischen Suche, die nicht nur in der Entdeckung der Instrumente sondern auch einer Stadt, deren Bewohner ohne Kontakt zur Zivilisation und nach archaischen Gesetzen leben. Hier schafft es der Erzähler sich zeitweilig selbst zu befreien und fühlt sich an der Seite von Rosario wie im irdischen Paradies. Doch die Flucht aus der Zivilisation endet abrupt, als ein Suchtrupp den Verschollenen findet und zurück in die USA befördert. Eine mediale Hetzkampagne, von seiner eifersüchtigen Frau initiiert, schlägt ihm bereits während des Fluges nach Hause, entgegen. Seine Frau will mit allen Mitteln versuchen die Scheidung der Ehe zu verzögern, um so die Rückkehr ihres Mannes in den Dschungel, wo Rosario zurückblieb, zu verhindern. Doch auch als ihm die Flucht zurück in den Dschungel gelingt, kann er nicht mehr dort anknüpfen, wo er aufgehört hat.

„Die verlorenen Spuren“ verquickt eine Vielzahl an Motiven und Themen. Musikalische Referenzen, biblische Anspielungen und Mythen der klassischen Antike, sowie Referenzen auf die Gralssuche und Tafelrunde, stehen mit den Dschungelpassagen und den „primitiven“ Kulturen, wie dem indianischen Epos „Popol Vuh“ in Beziehung, die sowohl inhaltlich als auch formal die Spannung zwischen Zivilisation und Natur zum Ausdruck bringt.