Wie fast allen Protagonisten bei Albert Camus wird auch Jean-Baptiste Clamence in „Der Fall“ seine Teilnahmslosigkeit und das sinnlose Herumirren im Leben zum Verhängnis. Der ehemalige Advokat lernt während seines Aufenthalts in Amsterdam in einer Hafenkneipe einen Pariser Tourist kennen, dem er seine Geschichte erzählt. Der Gesprächspartner ist zwar ständig anwesend, kommt aber kein einziges Mal selbst zu Wort.
In seiner Arbeit als Anwalt war Clamence vor allem mit besonders edlen Fällen, wie die Verteidigung von Armen, Waisen und Witwen betraut, die neben fachlichem Können auch noch Großmut, Mitgefühl und Selbstlosigkeit von ihm forderten. Dieser Zustand der anscheinenden Selbstsicherheit wird eines Tages ins Wanken gebracht, als er eines Nachts während eines Spaziergangs, wie aus dem Nichts ein sarkastisches Lachen hört, das ihn zu verfolgen scheint. Diese Begebenheit löst in Clamence den Drang zur Selbstanalyse aus, bei der er feststellen muss, dass seine als tugendhaft getarnten Eigenschaften lediglich Laster im Dienste seines Egoismus und Eitelkeit sind. Nach dieser Selbsterkenntnis wird er zu seinem eigenen Richter. Besonders schwer wiegt die Schuld, als er den Sprung einer Frau in die Seine beobachtet hat, ohne einen Rettungsversuch zu unternehmen. Sein Vergehen besteht darin, sich im entscheidenden Moment herausgehalten zu haben. Doch anstatt sich seine scheinheilige Existenz einzugestehen, schwingt er sich empor und wird zum Bußrichter der ganzen Gesellschaft. Sein Prophetenwort lautet: „Richtet, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Albert Camus lässt seinen Protagonisten das Bibelwort und die damit verbundene Moral in sein Gegenteil verkehren. Anstatt seine Schuld anzuerkennen und zu bereuen, hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, um auch sie von ihrer Mitschuld zu überzeugen. Camus entwirft in „Der Fall“ eine negative, in ihr Gegenteil verkehrte Solidarität des einzelnen mit allen. Ein geniales und intelligentes Buch, das messerscharf die Verlogenheit der Moral seziert und über 50 Jahre nach Erscheinen an Aktualität nichts eingebüßt hat. Ein Buch das ein Leben verändern kann und für das Camus zu Recht den Nobelpreis bekommen hat.