Als die Surrealisten sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit den Medien Film und Fotografie zu beschäftigen begannen, war die Forografie fast genau 100 Jahre alt. Seit 1825 hatten Erfinder wie Niecephore Nièpce, Daguerre oder Fox Talbot die Fotografie vielfältig nutzbar und einsetzbar gemacht. Bereits um 1850 war die Fotografie ein neues technisch-industrielles Medium, das neue Sichte und Einsicht gestattete, ein neues Sehen provozierte und gerade im Realismus auch das Bewusstsein für Wirklichkeit, Exaktheit und Detail schärfte. Schon bald wurde das neue Medium zur bedrohlichen Konkurrenz für die Maler, die einzig in der Nachahmung dieser Detailtreu zu bekämpfen war. Sah man die Fotografie in der Jahren 1825 bis etwa 1890 als Kopie der Realität, die von Objektivität, Realismus und Wahrhaftigkeit geprägt ist, kommt Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals auch der Aspekt der Verfremdung ins Spiel. Gerade die Dadaisten zerschnitten die Bilder und arrangierten sie mit anderen Fototeilen zu neuen, dem Kontext des Ursprungsfotos enthobenen Collagen. Bei den Surrealisten schließlich kommt neben dem Überraschungsmoment noch die Elemente der Erotisierung, des Wunsches und des Traumes hinzu. Strategien, die uns heutzutage durch die Dauerbilder der Werbung kaum noch Auffallen, aber im Grunde genommen von den Surrealisten entwickelt wurden.
Zu den Gründern des Surrealismus gehörte 1924 in Paris ein Fotograf - J. A. Boiffard -, zu seinen Mitgliedern zählten Fotografen wie Man Ray, Eli Lotar sowie die erst in den letzten Jahren wiederentdeckten Claude Cahun und Dora Maar. Auch bildende Künstler wie René Magritte, Salvador Dalí und Hans Bellmer nutzten das noch relativ junge Medium. Die Fotografie leistete einen wesentlichen Beitrag zur surrealistischen Ästhetik, denn sie vermochte es, die „Begierde im Blick“ zum Bild werden zu lassen: Metamorphosen, Fetischisierung, Geschlechtertausch, Skandalisierung und Wahnbilder konnte mit dem Einsatz der Fotografie auf Zelluloid gebannt werden.
