4. September 2008

Ist der Existentialismus ein Humanismus?

Kategorie: Französischer Existentialismus, Literatur — Dr. Marcuse @ 11:11

Das philosophische Essay „Ist der Existentialismus ein Humanismus“ von Jean-Paul Sartre, liegt einem Vortrag zugrunde, den er 1945 vor dem Pariser „Maintenanant“-Club gehalten hat und steht in engem Zusammenhang mit Sartres 1943 publiziertem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Die zentrale These des atheistischen Existentialismus, beruht auf der Überzeugung, dass die Existenz der Essenz vorangeht. Da es für Sartre keinen Schöpfergott gibt, kann es auch keine der tatsächlichen Verwirklichung vorausgehende menschliche Natur geben. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert. Der Mensch baut in der Existenz seine Essenz auf, zuerst als Entwurf und später mittels seiner Handlungen.

Sartre schreibt: “Der Mensch ist nichts anderes als das, was er aus sich macht. Das ist das erste Prinzip des Existentialismus. Das ist es auch, was man Subjektivität nennt und uns unter ebendiesem Namen vorwirft.“ Dieser Selbstentwurf des Menschen vollzieht sich zwar in absoluter Freiheit des Einzelnen aber auch in vollkommener Verantwortlichkeit für die anderen. Da aber für Sartre kein Gott existiert, gibt es demnach auch keine Regeln und Gebote nach denen der Mensch handeln sollt. Aber weil der Mensch sich nur in Bezug zu den anderen definieren und erschaffen kann „gibt es für uns keine Handlung, die den Menschen schaffend, der wir sein wollen, nicht auch zugleich ein Bild des Menschen hervorbringt, wie er unserer Ansicht nach sein soll. Wählen, dies oder das zu sein, heißt gleichzeitig, den Wert dessen, was wir wählen, zu bejahen, denn wir können niemals das Schlechte wählen; was wir wählen, ist immer das Gute, und nichts kann gut für uns sein, ohne es für alle zu sein.” Selbst wenn es einen Gott gäbe, würde das nichts ändern, denn der Mensch muss sich selber wieder finden und sich überzeugen, dass ihn nichts vor ihm selber retten kann, wäre es auch ein gültiger Beweis der Existenz Gottes. So ist jeder in seiner Freiheit verurteilt, d.h. er ist verantwortlich für das, was er ist.

14. August 2008

„Die schmutzigen Hände“ von Jean Paul Sartre

Kategorie: Französischer Existentialismus, Literatur — Dr. Marcuse @ 13:38

Jean Paul Sartres bekanntestes Bühnenstück „Die schmutzigen Hände“ aus dem Jahre 1948 variiert die existentialistische Entscheidungsfreiheit am Beispiel eines politischen Mordes. Hintergrund des Stückes ist der erst kürzlich beendete Krieg. Die Handlung spielt im fiktiven Balkanstaat Illyrien. Der junge Hugo tritt der kommunistischen Partei bei (das Wort fällt allerdings nie in dem Drama), um mit seiner bürgerlichen Herkunft auszubrechen und für „wahre“ Werte zu kämpfen. Die Arbeit als Journalist im Kreis um den Parteichef Louis bringt ihm nicht die erhoffte Befriedigung. Um sich vor seinen Kameraden zu beweisen will er raus aus der Schreibstube und mit einer mutigen Tat zur Not sogar sein Leben riskieren. Mit Hilfe seiner Freundin Olga kann Hugo Louis überzeugen, dass er den am Parteisekretär Hoedere geplanten Mord ausführen kann. Hoedere nämlich beabsichtigt mit dem Regenten des von Deutschen besetzten Landes zu paktieren.

Das Stück beginnt mit der Rückkehr Hugos aus dem Gefängnis. Der Mord ist vor Gericht als Eifersuchtsdrama geahndet worden. Von der Parteigenossin Olga erfährt er, dass Hoederer posthum rehabilitiert wurde, dessen alten Ziele und Strategien plötzlich als Nonplusultra in der Partei angesehen werden. Hugos vermeintliche Heldentat mutiert zur Peinlichkeit und als Zeuge soll er beseitigt werden. Eine ausführliche Rückblende – in Form eines szenischen Berichts – stellt die Ereignisse bis zum Mord dar.

Als die misstrauischen Genossen ihm schließlich den Auftrag den Parteifunktionär zu töten, erteilten, zieht er als Privatsekretär getarnt, begleitet von seiner Frau Jessica, in dessen Haus. Je besser Hugo aber sein potenzielles Opfer kennen lernt, desto mehr ist er von ihm beeindruckt und verschiebt den geplanten Mord von Tag zu Tag. Der tödliche Schuss fällt letztlich, als Jessica und Hoederer inflagranti von Hugo erwischt werden.

Das letzte Bild blendet wieder zu Olga und Hugo über. Da Hugo die Tat anscheinend nicht aus politischen, sondern aus Eifersucht begangen hat, kann sie ihn den Parteifreunden wieder als „verwendungsfähiges“ Mitglied empfehlen. Hugo aber will seine Tat auf sich nehmen und zum politischen Mord stehen. Mit den Worten „Nicht verwendungsfähig“ öffnet er Louis die Tür in der Gewissheit, erschossen zu werden.

In keinem anderen Drama hat Sartre die existentialistische Problematik so stark in den politischen Fokus gerückt. Der Akt der Selbstfindung, den Hugo am Schluss vollzieht, der dem Mord Sinn und Motivation verleihen soll, führt zu seinem Tod. „Die schmutzigen Hände“ ist ein Werk über Politik, Freiheit und scheiternde Utopien. Themen, die immer aktuell sind.

7. August 2008

Sartres „Der Ekel“

Kategorie: Französischer Existentialismus, Literatur — Dr. Marcuse @ 12:28

Der 1938 erschienene Roman „La nausée“ (Der Ekel) von Jean-Paul Sartre gehört mit zu seinen bekanntesten Werken. Das existentialistische Frühwerk ist als fiktives Tagebuch abgefasst und setzt sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinander. Antoine Roquentin beginnt seine Niederschrift im Februar des Jahres 1932 bis zum Tag seiner Abreise aus Bouville, wo er sich seit drei Jahren zu historischen Studien über den ebenfalls fiktiven Marquis de Rollebon aufhält. Ein merkwürdiges Seinsgefühl, das ihn seit kurzem immer öfter überfällt, veranlasst Roquentin diesem auf den Grund zu kommen und gibt ihm in seinen Aufzeichnungen freien Lauf. Zunächst ist er unsicher ob dieser „Ekel“, den er bei der Berührung bestimmter Dinge, später vor den Menschen und der Körperlichkeit überhaupt empfindet, von außen herrührt oder in ihm selbst begründet ist. Schritt für Schritt tastet er sich mit seiner Selbstbeobachtung vor, um zur Einsicht zu gelangen, dass er von einer selbstgefälligen und verlogenen Gesellschaft umgeben ist. Der Ekel stellt für Roquentin die unmittelbare und radikale Existenzerfahrung dar.

Das innere Bedürfnis nach Revolution muss angesichts seiner unbedeutenden Einzelexistenz scheitern, so dass er eine Lösung in der Kunst sucht. Roquentin will einen Roman über seine Verzweiflung schreiben. Der Leser erfährt allerdings nicht, ob ihm das gelingt, da seine Tagebuchaufzeichnungen nach seinem Tod (vielleicht Selbstmord) unter seinen Papieren gefunden wurden.

Das Buch ist zwar nicht leicht zu lesen, aber die Klarheit der Sprache und die psychologischen Details des inneren Aufruhrs des Protagonisten machen das Buch zeitlos.