31. Dezember 2008

„Der Prozess“ in den Kammerspielen

Kategorie: Theater — Nic Knatterton @ 14:03

Dass zuweilen Schauspieler in einem Stück in mehrere Rollen schlüpfen ist eigentlich nichts ungewöhnliches, dass aber alle Darsteller eine einzige Person verkörpern ist schon etwas befremdlich. Auch bei Kafka ist alles befremdlich und absurd. Andreas Kriegenburg hat sich an die theatralische Umsetzung des berühmten Kafka Romans der „Der Prozess“ gemacht und eine grandiose Inszenierung geschaffen. Allein die Bühne – eine fast senkrecht stehende Scheibe, an der das Mobiliar klebt, eingebettet in eine augenförmige Ellipse - bringt die verquere Welt des Josef K. adäquat zum Ausdruck.

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.” Mit diesem Satz beginnt Franz Kafkas hermetischer Roman. Was sich wie eine klassische Kriminalgeschichte anfängt, verspinnt sich zu einer absurden und paradoxen Parabel über Recht und Gerechtigkeit, die keinen Lösungsansatz birgt. Nie erfährt K., wessen er angeklagt ist, noch, wer seine Richter sind. Zunächst hält er das Ganze für einen Scherz, schließlich kann er sich trotz seiner Verhaftung frei bewegen. Doch bald erkennt K., dass er einem juristischen Apparat ausgeliefert ist, der jeglicher Grundlage eines herkömmlichen Gerichts entbehrt.

Die Darsteller sind nicht nur großartige Mimen, ihnen wird auch einiges an Akrobatik angesichts der Steilwand zugemutet. Walter Hess, Lena Lauzemis, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Bernd Moss, Annette Paulmann, Katharina Schubert und Edmund Telgenkämper, wechseln, wenn sie nicht gerade Josef K. sind, ständig die Rollen und werden zum übrigen Personal. Die Slapstick-Nummern der Schauspieler mit den weiß geschminkten Gesichtern, den streng zurückgekämmten Haaren und dem schmalen Oberlippenbart überspitzen zudem das sinnentleerte Prozedere und geben dem ganze eine komische Note. Wirklich sehenswert.

1. Juli 2008

Kafkas Welt

Kategorie: Ausstellungen — Nic Knatterton @ 17:38
Wer meint über Franz Kafka sei schon alles geschrieben und sein Leben en detaille rekonstruiert, der hat sich getäuscht. Die FotoausstellungKafkas Welt“ im Münchner Literaturhaus bietet einige neue Einblicke in den Alltag des Prager Schriftstellers. Der Germanist Hartmut Binder hat in langer Recherche an die 150 Fotos zusammengetragen, die dem gängigen Bild vom Ausnahmeliteraten so gar nicht entsprechen. Hier bekommt man einen lebensfrohen Menschen, der gerne reiste, von schönen Frauen umringt war, gerne ins Kino ging, in Kaffeehäusern saß und in der Moldau schwamm, präsentiert.
Franz KafkaEin wiederentdecktes Fernsehinterview seines Freundes Max Brodt  aus dem Jahre1967 unterstreicht das Ganze noch. Hier wird von nächtlichen  Spaziergängen und  wilden Zusammenkünften berichtet und Alice Herz-Sommer, die letzte, heute noch   lebende Freundin Kafkas, bescheinigt dem Literaten eine große Anziehung auf Frauen.

Wer also seine Meinung über den angeblich so depressiven und verzweifelten Ausnahmeschriftsteller revidieren will, der kann die Ausstellung im Literaturhaus noch bis 3. August besuchen.