17. August 2008

Die lateinamerikanische „Boom“-Literatur

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Dr. Marcuse @ 13:48

In Europa wirklich zur Kenntnis genommen, wird die lateinamerikanische Literatur eigentlich erst Ende der vierziger Jahre. Eng verbunden mit den Schlagworten „realismos mágico“ (Magischer Realismus) und „nueva novel“ (Neuer Roman), wird diese Zeit - gerne als „Boom“ bezeichnet- vor allem von großartigen Werken der hispanoamerikanischen Erzählliteratur geprägt.

1949 erscheinen zwei Romane, die diesen neuen literarischen Weg in Südamerika kennzeichnen. „Hombre de maiz“ (Maismenschen) des Guatemalteken Miguel Angel Asturias und „El reino de este mundo“ (Das Reich von dieser Welt) des Kubaners Alejo Carpentier. Beide hatten sich in den zwanziger und dreißiger Jahren in Paris aufgehalten und sind dort mehr oder weniger mit den Surrealisten in Kontakt gekommen. In Verbindung mit dem Interesse für andere Lebens- und Denkformen, wie sie die Indios repräsentieren, entstehen erstmals Texte, die aus der Perspektive der Ureinwohner erzählen. Der „Maismensch“ ist im Aufbau fast dem Heiligen Bücher der Mayas identisch, während Carpentier im Vorwort zu „Das Reich von dieser Welt“ die Theorie vom real maravilloso americano (das Wunderbar-Wirkliche Amerikas) in Abwandlung des surrealistischen Begriffs merveilleux quotidien (das Alltäglich-Wunderbaren) entwirft. Magie, Kultisches und Wunderglaube bestimmen die indianischen und afroamerikanischen Völker und verschaffen den Schriftstellern neue Motive und Perspektiven, die anscheinend auch in Europa eine willkommene Lektüre darstellen.
Auch der wohl bekannteste und erfolgreichste Roman der „Boom“-Literatur, „Cien años de soledad“ (Hundert Jahre Einsamkeit) von Gabriel García Márquez spielt mit magisch-indigene Elementen, verschiedensten Zeit- und Wirklichkeitsebenen, der einen entscheidenden Beitrag zur literarischen Richtung des „Magischer Realismus“ beitrug und den Kolumbianer schlagartig weltberühmt machte.

Weitere wichtige Vertreter des Booms sind der Peruaner Mario Vargas Llosa mit dem erzähltechnisch anspruchsvollen Roman „La casa verde“ (Das grüne Haus), der Mexikaner Carlos Fuentes kombiniert in seinem Roman „Cambio de piel“ rational-realistische Beschreibungen und magisch-phantastische Elemente, ebenso wie der Argentinier Ernesto Sabato in dem monumentalen Roman „Sobre héroes y tumbas“ (Über Helden und Gräber).

Aber auch in Romanen, die den Versuch untenehmen die politischen Verhältnisse in Südamerika zu verarbeiten, wie der lateinamerikanische Diktatorenroman, tritt die magisch-indigene Perspektive in den Vordergrund. Neben „El Señore Presidente“ (1946) von Asturias, gehören García Márquez’ „El otoño del patriarca“ (Der Herbst des Patriarchen, 1975), Carpentiers „El recurso del método“ (Staatsraison, 1974) und „Yo el supremo“ (Ich, der Allmächtige, 1974) des Paraguayaners Augustos Roa Bastos zu den bedeutendsten Diktatorenromanen, die während der Zeit des Boom entstanden sind.

29. Juli 2008

Gabriel García Márquez: Journalistische Arbeiten

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Dr. Marcuse @ 10:50

Romane wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ oder „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ haben ihn weltberühmt gemacht. Die Rede ist von dem Kolumbianer Gabriel García Márquez. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass sich Márquez auch journalistisch betätigt. Diese Arbeiten sind nun im fünften Band von „Dornröschens Flugzeug“ (Kiepenheuer & Witsch) nachzulesen. Texte zum aktuellen Zeitgeschehen, Alltagsthemen und Reiseerlebnisse sind hier versammelt und beeindrucken durch die literarische Qualität.

In der Titel gebenden Geschichte “Dornröschens Flugzeug” berichtet der an Flugangst leidende Márquez von einer schlafenden Schönen auf dem Nebensitz, die dem Leser in dem Roman “Erinnerung an meine traurigen Huren” wieder begegnen. Wie die Romane auch, sind die journalistischen Arbeiten von jener Mischung aus Realität und Fiktion durchdrungen, mit der er zum Grand Senieur des „Magischen Realismus“ wurde.

In den Reportagen, Glossen und Kommentaren, die im Verlauf von mehr als zwanzig Jahren, zwischen 1961-1984 entstanden sind, gibt Gabriel García Márquez ein facettenreiches und unterhaltsames Bild seiner Welt.