Irgendwie ist es schon komisch, Theseus soll mit Hilfe des Ariadnefadens den Weg aus dem kretischen Labyrinths herausgefunden haben, dabei gab es in diesem Labyrinth nur einen Weg, der ins Innere und wieder hinaus führte. Wieso brauchte der Minotaurus-Bezwinger dann also eine Orientierungshilfe?
Heutzutage besitzt der Begriff Labyrinth die Bedeutung eines Irrgartens mit einer Vielzahl an Wegen, die nicht zwingend ans Ziel führen müssen. Ebenso die metaphorische Verwendung weist auf eine schwierige, unübersichtliche und verwirrende Situation hin. Das antike Labyrinth allerdings besitzt nur einen einzigen Weg und bietet somit keinerlei Verwirrungsmöglichkeit. Der Weg ins Zentrum beginnt mit an der Außenmauer und führt nach vielen Umwegen (die Begrenzungsmauern zwingen den Läufer zum Abschreiten des gesamten Innenraumes) ins Zentrum. Im Gegensatz zu einem Irrgarten ist dieser Weg kreuzungsfrei und bietet keine Wahlmöglichkeit. Man gelangt zwangsläufig in die Mitte. Der älteste Labyrinth-Typ ist der aus Kreta, kommt aber als Basisform auch in Indien und Amerika vor und besitzt sieben Umgänge.

Labyrinth kretischer Typ, “Ariadnefaden” als Weg durch das Labyrinth
Was war nun die ursprüngliche Bedeutung des Labyrinths? Bis heute scheiden sich die Geister bei dieser Frage. Plutarch berichtet vom Labyrinth in Knossos, das von Daidalos im Auftrag König Minos gebaut worden sein soll und als Gefängnis des Menschenfressenden Minotaurus diente. Die bekannteste Deutung will im Palast von Knossos das historische Labyrinth sehen, allerdings wurde dort nie auch nur ein Hinweis auf einen solchen Wunderbau gefunden. Ein anderer Deutungsversuch sieht den verschlungenen Weg des Labyrinths als eine Tanzform. Um den Tänzern die Bewegungsabläufe zu indizieren, wurden wahrscheinlich auf einem Tanzplatz die Wege aufgezeichnet. Man kann sich das als eine Art Reigen vorstellen, bei dem mehrere Tänzer durch einen Faden verbunden, die Labyrinthbewegung vollziehen. Hat der vordere Teil der Tänzerkette den Wendpunkt einer Bahn passiert, tanz diese dem hinteren Teil in gegengesetzter Richtung. Wenn der erste Tänzer das Zentrum erreicht, muss er warten bis die andern nachrücken, denn der Weg nach außen ist verstellt. Diese Situation des Eingeschlossenseins erklärt, dass dem Labyrinth ein Gefängnis-Charakter zugeschrieben wurde. Diese Situation gibt aber auch erst dem Ariadnefaden einen Sinn. Alle Berichte verweisen darauf, dass Theseus den Faden brauchte um aus dem Labyrinth herauszukommen, nachdem er es problemlos erreicht hatte. Wenn Theseus die Tänzerkette anführte und als erster ins Zentrum gelangt, kann er nicht entrinnen, wenn die ihn einschließende Tänzerkette sich nicht wieder rückwärts bewegt. Erst nach dem Richtungswechsel kann er sich an das Ende der Tänzerkette, die nun auch als Ariadnefaden einen Sinn bekommt, anhängen und wird von ihr aus dem Labyrinth geführt.