21. August 2008

Dalís Malerei nach 45

Kategorie: Kunst und Malerei — Dr. Marcuse @ 12:59

Das Jahr 1945 markiert im Werk Salvador Dalís eine radikale Kehrtwende. Nicht was die Maltechnik oder seine berühmte paranoisch-kritische Methode angeht, sondern nur die Sujets ändern sich. Auslöser hierfür ist die Explosion der Atombombe in Hiroshima am 6. August 1945. Zu dieser Zeit befand sich der Katalane bereits in den USA und war längst kein Unbekannter mehr. Seit der Katastrophe bildet das Atom Hauptgegenstand seines Denkens und er wendet sich seiner „nuklearen Mystik“ zu, die ihren „theoretischen“ Unterbau im „Mystischen Manifest“ von 1951 findet. Malerische Zeugnisse dieser neuen Richtung finden sich beispielsweise in “Leda atomica” oder “Die Spaltung des Atoms”. Atomphysik und Mystizismus widersprechen sich für Dalí keineswegs, ganz im Gegenteil: für ihn verkörpern Neuronen und Protonen geradezu das Bildnis von Christus.

Überhaupt interessiert ihn jede Art von moderner wissenschaftlicher Forschung. So ersteht er 1962 ein „elektrokulares Monokel“, ein Apparat, der in der Flugfahrt entwickelt wurde. Dieses Aufnahmegerät fängt Bilder ein und überträgt sie per Fernsehen auf ein Fernrohr, das die Rolle des Bildschirms übernimmt. Dieses Fernrohr ist so konstruiert, dass das Auge das ferngesendete Bild unterscheiden und gleichzeitig weiterhin alles normal sehen kann, was sich im Blickfeld befindet. Mit Hilfe des Prinzen Matila Ghyka, eines rumänischen Mathematikers, rechnet Dalí fast drei Monate lang die mathematischen Anordnungen aller Elemente der “Leda atomica” aus. Zudem beschäftigte sich Dalí mit der Anwendung der Kybernetik, die das Auftreten ungeheuer komplexer Hierarchien und Homöostasen – vor allem in der Biologie - erforscht. Standen vor allem in 30er Jahren die Doppel- und Mehrfachbildproduktionen im Vordergrund, wendet sich Dalí nach 45 hauptsächlich optischen Studien über die binokulare Vision zu.