14. November 2008

Surrealismus und Fotografie

Kategorie: Literatur, Surrealismus — Nic Knatterton @ 13:27

Als die Surrealisten sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit den Medien Film und Fotografie zu beschäftigen begannen, war die Forografie fast genau 100 Jahre alt. Seit 1825 hatten Erfinder wie Niecephore Nièpce, Daguerre oder Fox Talbot die Fotografie vielfältig nutzbar und einsetzbar gemacht. Bereits um 1850 war die Fotografie ein neues technisch-industrielles Medium, das neue Sichte und Einsicht gestattete, ein neues Sehen provozierte und gerade im Realismus auch das Bewusstsein für Wirklichkeit, Exaktheit und Detail schärfte. Schon bald wurde das neue Medium zur bedrohlichen Konkurrenz für die Maler, die einzig in der Nachahmung dieser Detailtreu zu bekämpfen war. Sah man die Fotografie in der Jahren 1825 bis etwa 1890 als Kopie der Realität, die von Objektivität, Realismus und Wahrhaftigkeit geprägt ist, kommt Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals auch der Aspekt der Verfremdung ins Spiel. Gerade die Dadaisten zerschnitten die Bilder und arrangierten sie mit anderen Fototeilen zu neuen, dem Kontext des Ursprungsfotos enthobenen Collagen. Bei den Surrealisten schließlich kommt neben dem Überraschungsmoment noch die Elemente der Erotisierung, des Wunsches und des Traumes hinzu. Strategien, die uns heutzutage durch die Dauerbilder der Werbung kaum noch Auffallen, aber im Grunde genommen von den Surrealisten entwickelt wurden.

Zu den Gründern des Surrealismus gehörte 1924 in Paris ein Fotograf - J. A. Boiffard -, zu seinen Mitgliedern zählten Fotografen wie Man Ray, Eli Lotar sowie die erst in den letzten Jahren wiederentdeckten Claude Cahun und Dora Maar. Auch bildende Künstler wie René Magritte, Salvador Dalí und Hans Bellmer nutzten das noch relativ junge Medium. Die Fotografie leistete einen wesentlichen Beitrag zur surrealistischen Ästhetik, denn sie vermochte es, die „Begierde im Blick“ zum Bild werden zu lassen: Metamorphosen, Fetischisierung, Geschlechtertausch, Skandalisierung und Wahnbilder konnte mit dem Einsatz der Fotografie auf Zelluloid gebannt werden.

8. August 2008

Alexander Rodtschenko & Man Ray

Kategorie: Ausstellungen — Nic Knatterton @ 13:40

Zurzeit sind ein russischer und ein amerikanischer Fotokünstler zu Gast im Berliner Martin-Gropius-Bau. Die Doppelausstellung zeigt Werke des Konstruktivisten Alexander Rodtschenko und des Surrealisten Man Ray. Gekannt haben sich die beiden zwar nicht, aber gewisse Gemeinsamkeiten zwischen den beiden gibt es doch, wie die russischen Abstammung Man Rays oder beider Freundschaft zu dem Avantgarde-Poeten Wladimir Majakowski. Aber auch in der Fotografie lassen sich Verbindungen herstellen: beide versuchten auf ihre Weise das Sujet zu verfremden, was in Verfahrensweisen wie der Collage, Montage und Typografie zum Ausdruck kommt.

Bei Alexander Rodtschenko vollzieht sich der radikale Bruch mit der Kunstfotografie der Jahrhundertwende in der Forderung der „Revolutionierung des fotografischen Blicks“. Er hält die Motive in extremen Aufsichten und Untersichten fest, in Diagonalen, Anschnitten und Details. Für das damalige herrschende Sehempfinden war dies ein ungewöhnliches Verfahren.

Man Ray dagegen bleibt den surrealistischen Forderungen treu und wandelt auf den Spuren des Unbewussten und der Zufallsmontagen, wobei das Ziel, die bürgerliche Moral vor den Kopf zu stoßen, nicht verfehlt wird.

Im Gegensatz zu Alexander Rodtschenko, starb Man Ray als berühmte Ikone der westlichen Fotografiemoderne, während Rodtschenko erst nach der Auflösung der Sowjetunion wiederentdeckt wurde. Rund 350 Arbeiten von Rodtschenko und noch einmal 300 von Man Ray sind im Martin-Gropius Bau noch bis zum 18. August zu sehen.