5. September 2008

„Nadja“ von André Breton

Kategorie: Literatur, Surrealismus — Dr. Marcuse @ 16:30

Die Erzählung „Nadja“ aus dem Jahre 1928 von André Breton, dem Meisterdenker der Surrealisten, handelt von einer Begegnung mit einer jungen gleichnamigen Frau. Der Autor begegnet ihr im Oktober 1926 als Flaneur in der Nähe der Pariser Oper und so fasziniert von ihr, dass er sie anspricht. Die kurze, aber intensive Bekanntschaft bringt aber seltsame Ereignisse mit sich.

Nadja verfügt über eine erstaunliche Gabe: sie sagt Ereignisse voraus, die dann auch wirklich eintreten und der Zufall bring die beiden irgendwie immer wieder zusammen. Wenn sie dann gemeinsam durch die Straßen von Paris ziehen, begegnen sie immer wieder den gleichen Zeichen und Symbolen, Nadja spricht Gedanken aus, die Breton gerade denkt oder zitiert Metaphern, die er gerade in einem Buch gelesen hat, ohne diese kennen zu können. So plötzlich die Frau aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder. Erst später erfährt er, dass sie in eine Irrenanstalt eingeliefert worden ist.

Die Begegnung der beiden hat wirklich stattgefunden und Breton hat dieses Ereignis ganz nach seinen eigenen Forderungen im „Surrealistischen Manifest“ umgesetzt. So ist der Stil kein erzählerischer, sondern fast protokollarisch, die Bekanntschaft wird in Tagebuchform geschildert und Begebenheiten werden durch Assoziationen geschildert. Nadja besitzt das, wonach der Surrealismus strebt: ein Geist der nicht den Regeln des Rationalismus unterworfen ist, geleitet von ihrer Intuition, verkörpert sie das surrealistische Ideal.

Zum experimentellen Charakter von „Nadja“ gehören zahlreiche Fotografien, die Breton in den Text eingestreut hat. Sie zeigen hauptsächlich die Schauplätze der Begegnung mit der Titelfigur, aber auch kuriose Objekte und Personen, die im Text erwähnt werden.

16. August 2008

Psychopathologie und Surrealismus

Kategorie: Literatur, Surrealismus — Dr. Marcuse @ 13:48

Neben der Beschäftigung mit dem Unterbewussten und dem Traumhaften hatten die Surrealisten auch eine ausgeprägte Neigung zur Psychopathologie. Schon André Breton beschäftig sich 1928 in seinem Roman Nadja mit der Frage wo fängt Wahn an und artikuliert seine Kritik an der Ausgrenzung des Wahns aus der Gesellschaft. „Da es bekanntlich zwischen dem Nicht-Wahnsinn und dem Wahnsinn keine Grenze gibt, bin ich geneigt, den Wahrnehmungen und Ideen des einen oder des anderen Zustandes einen ungleichen Wert zuzubilligen“ (Andre Breton, „Nadja“). In L`immaculée conception (Die unbefleckte Empfängnis) aus dem Jahr 1930 unternehmen Breton und Paul Eluard einen sprachlichen „Simulationsversuch“ über fünf Fälle der „Besessenheit“. Das Buch ist eine Zusammenstellung zahlreicher Prosatexte, worunter sich im mittleren Teil der Versuch Wahnsinn sprachlich nachzuahmen, befindet. Imitiert werden unter der Überschrift Zustände der Besessenheit, Zustände des allgemeinen Schwachsinns, des zyklischen Irreseins oder der akuten Manie, der allgemeinen und fortschreitenden oder generalisierten Paralyse, des Verfolgungswahns, Beziehungs- respektive Interpretationswahn oder der Paranoia und schließlich der Dementia praecox oder Schizophrenie. Dieses sprachliche Experiment, das versucht derartige Stimmungen und Gemütsverfassungen imaginiert herbeizuführen, lässt schon erkennen, dass es bei den Surrealisten keine scharfe Grenzziehung in Bezug auf die Kategorie „normal“ oder „abnormal“ besteht.

Auch Salvador Dalí, der seit 1929 Mitglied in der Gruppe um Breton ist, interessiert sich für wahnhafte Krankheitsbilder und entdeckt für sich das kreative Potential der Paranoia. Zu Anfang stellt Dalí den „paranoischen Denkvorgang“ noch als gleichwertige Ausdrucksform neben das „automatische Schreiben“ und die Traumprotokolle der Surrealisten, entwickelt daraus aber bald sein ganz eigenes Werkzeug.
Bei der Paranoia handelt es sich um einen Deutungswahn, der sich entweder in Verfolgungswahn oder Größenwahn manifestiert, wobei der Betroffene alles Geschehen auf sich bezieht. Im Unterschied zu anderen Geisteskrankheiten tritt die Paranoia durch ein völlig geordnetes, in sich klares, zusammenhängendes Wahnsystem auf. Das Differenzierungsmerkmal der „relativen Unverständlichkeit“ des schizophrenen Denkens gegenüber der „relativen Verständlichkeit“ des paranoischen Wahns macht diesen für die Surrealisten so interessant. Gerade in dem Systemcharakter, der eine immanente Logik, wenngleich bei falschen Axiomen aufweist, sah der Surrealismus die produktive Rolle des Wahnsystems im Gegensatz zu den von Nützlichkeitserwägungen bestimmten Alltagserfahrungen. Er erklärt das Krankhafte für das Schöpferische, das Irrationale für das Rationale. Der Wahn verfügt über ein größeres Phantasiepotential und ist somit der Wirklichkeitserkenntnis überlegen.

Der grundsätzliche Unterschied zur psychiatrischen Definition der Paranoia liegt vor allem darin, dass Dalí von der Paranoia einen ästhetisierenden, poetischen Gebrauch macht, um schließlich 1935 der Welt seine „paranoisch-kritische Methode“ präsentieren zu können.