26. August 2008

Das Paradox bei Jorge Luis Borges

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Dr. Marcuse @ 12:21

Jorge Luis Borges hat sich dank einer neuen Art von Poetik, der so genannten Neophantastik, einen rechtmäßigen Platz in der Weltliteratur gesichert. Eines der wichtigsten und grundlegenden Verfahren zur Erzeugung der dieser Phantastik ist für Borges das Paradox. Die Erzählungen Borges’ fingieren weniger etwas Phantastisches in der Welt als vielmehr ein Weltentwurf als paradoxes Denkgebäude. Anders als in der klassischen Phantastik des 19. Jahrhunderts, tritt in Borges Erzählungen kein rational unerklärliches Phänomen in die erzählte Geschichte ein und erhält dadurch eine phantastische Dimension, Borges entwickelt diese ausschließlich aus sprachlichen Verfahren.

Besonders beliebt bei dem Argentinier ist das eleatisches Paradox von Achill und der Schildkröte. Der griechische Philosoph Zenon behauptete, der Läufer Achill könne kein Wettrennen gegen eine Schildkröte gewinnen, falls diese vor ihm einen gewissen Vorsprung habe. Zenon argumentiert, dass immer dann, wenn Achilles jenen Punkt erreicht hat, an dem die Schildkröte zuletzt war, die Schildkröte jeweils wieder ein Stück weiter ist, so dass Achilles im Laufe des Wettkampfes der Schildkröte zwar sehr näher kommen wird, sie aber niemals vollständig erreichen und somit auch niemals überholen kann.

Dass die Behauptung falsch ist, spielt für Borges keine Rolle ihn interessiert die Raum-Zeit Dimension, die aus in der Aporie aus den Angeln gehoben wird. Vor allem in den Erzählungen des Bandes „Ficciones“ ist das Paradox und der damit verbundene Prozess des regressus in infinitum (Rückgang ins Unendliche), narratives Mittel zur Erzeugung der Neophantastik. So versinkt in der Erzählung die „Die kreisförmigen Ruinen“ ein Magier in einen Traum, in dem er schließlich erkennt, dass er selbst nur Produkt eines anderen Träumers ist. In „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ berichtet Borges selbst über einen von einer Geheimgesellschaft geschaffenen Planeten oder entwirft wie in „Die Bibliothek von Babel“ eine allumfassende Bibliothek, die sich aus allen denkbaren Texten, die aus den Sprachzeichen des Alphabets überhaupt gebildet werden können, zusammensetzt.

Mit paradoxen Gedankengängen und Folgerungen in Verbindung mit Zirkelstrukturen, Spiegel- und Labyrinth Metaphern sowie Textverschachtelungen, schafft Borges ein phantastisch-irrationales Spiel mit der Sprache und Weltentwürfe, die nicht nach den herkömmlichen Regeln der Vernunft funktionieren.

13. Juli 2008

Tlön, Uqbar, Orbis Tertius

Kategorie: Literatur, südamerikanische Literatur — Nic Knatterton @ 11:25

Eine der genialsten Erzählungen von Jorge Luis Borges ist meiner Ansicht nach Tlön, Uqbar, Orbis Tertius. Der einleitende Text des Bandes „Ficciones“ aus dem Jahre 1944 kann als das Paradebeispiel von Borges’ Neophantastik angesehen werden. Ganz ohne Geister, Gespenster oder Ufos kreiert der Ich-Erzähler Borges mit den Mitteln der Rationalität und Logik ein ganz neues Land.

Ausgangspunkt der Geschichte ist eine abendliche Diskussion zwischen Borges und seinem Freund Adolfo Bioy Casares fällt der Name Uqbar. Auf der Suche nach Hinweisen über dieses mysteriöse Land finden beide schließlich eine Reihe von Informationen in der Anglo-American Cyclopedia, die ebenso wie weitere Quellen vom Autor frei, aber überzeugend erfunden sind. Auf der Suche nach Beweisen für die Existenz des Imaginären Landes, stößt der Ich-Erzähler auf eine Enzyklopädie von Tlön. Die Weltsicht der Bewohner Tlöns ist von einem rigiden Idealismus geprägt: in ihrer Sprache gibt es keine Substantive, an Stelle der Metapysik haben die Tlönisten die phantastische Literatur gesetzt. Entstanden ist das Reich als Erfindung einer Geheimgesellschaft des 17. Jahrhunderts, deren Pläne von einem reichen Amerikaner schließlich realisiert worden seien. In einem Nachtrag von 1947, der ebenso wie die vielen Fußnoten im Text als Beglaubigungsstrategie des Erzählten dienen, wird das allmähliche Eindringen des Tlönismus in die reale Welt verkündet.

Durch das Spiel mit philosophischen Ideen, fernöstlichen Weisheiten und deren paradoxen Umdeutungen gepaart mit fiktiven Quellen und Büchern entsteht so ein kohärentes Konstrukt aus Wirklichkeit und Fiktion. Allerdings sollte der Leser sich nicht auf die Suche nach Authentizität der unglaublich zahlreichen Zitate und Anspielungen machen, denn das verdirbt das Lesevergnügen gewaltig.