Neben der Beschäftigung mit dem Unterbewussten und dem Traumhaften hatten die Surrealisten auch eine ausgeprägte Neigung zur Psychopathologie. Schon André Breton beschäftig sich 1928 in seinem Roman Nadja mit der Frage wo fängt Wahn an und artikuliert seine Kritik an der Ausgrenzung des Wahns aus der Gesellschaft. „Da es bekanntlich zwischen dem Nicht-Wahnsinn und dem Wahnsinn keine Grenze gibt, bin ich geneigt, den Wahrnehmungen und Ideen des einen oder des anderen Zustandes einen ungleichen Wert zuzubilligen“ (Andre Breton, „Nadja“). In L`immaculée conception (Die unbefleckte Empfängnis) aus dem Jahr 1930 unternehmen Breton und Paul Eluard einen sprachlichen „Simulationsversuch“ über fünf Fälle der „Besessenheit“. Das Buch ist eine Zusammenstellung zahlreicher Prosatexte, worunter sich im mittleren Teil der Versuch Wahnsinn sprachlich nachzuahmen, befindet. Imitiert werden unter der Überschrift Zustände der Besessenheit, Zustände des allgemeinen Schwachsinns, des zyklischen Irreseins oder der akuten Manie, der allgemeinen und fortschreitenden oder generalisierten Paralyse, des Verfolgungswahns, Beziehungs- respektive Interpretationswahn oder der Paranoia und schließlich der Dementia praecox oder Schizophrenie. Dieses sprachliche Experiment, das versucht derartige Stimmungen und Gemütsverfassungen imaginiert herbeizuführen, lässt schon erkennen, dass es bei den Surrealisten keine scharfe Grenzziehung in Bezug auf die Kategorie „normal“ oder „abnormal“ besteht.
Auch Salvador Dalí, der seit 1929 Mitglied in der Gruppe um Breton ist, interessiert sich für wahnhafte Krankheitsbilder und entdeckt für sich das kreative Potential der Paranoia. Zu Anfang stellt Dalí den „paranoischen Denkvorgang“ noch als gleichwertige Ausdrucksform neben das „automatische Schreiben“ und die Traumprotokolle der Surrealisten, entwickelt daraus aber bald sein ganz eigenes Werkzeug.
Bei der Paranoia handelt es sich um einen Deutungswahn, der sich entweder in Verfolgungswahn oder Größenwahn manifestiert, wobei der Betroffene alles Geschehen auf sich bezieht. Im Unterschied zu anderen Geisteskrankheiten tritt die Paranoia durch ein völlig geordnetes, in sich klares, zusammenhängendes Wahnsystem auf. Das Differenzierungsmerkmal der „relativen Unverständlichkeit“ des schizophrenen Denkens gegenüber der „relativen Verständlichkeit“ des paranoischen Wahns macht diesen für die Surrealisten so interessant. Gerade in dem Systemcharakter, der eine immanente Logik, wenngleich bei falschen Axiomen aufweist, sah der Surrealismus die produktive Rolle des Wahnsystems im Gegensatz zu den von Nützlichkeitserwägungen bestimmten Alltagserfahrungen. Er erklärt das Krankhafte für das Schöpferische, das Irrationale für das Rationale. Der Wahn verfügt über ein größeres Phantasiepotential und ist somit der Wirklichkeitserkenntnis überlegen.
Der grundsätzliche Unterschied zur psychiatrischen Definition der Paranoia liegt vor allem darin, dass Dalí von der Paranoia einen ästhetisierenden, poetischen Gebrauch macht, um schließlich 1935 der Welt seine „paranoisch-kritische Methode“ präsentieren zu können.