Ein Klassiker der argentinischen, experimentellen Literatur ist der Roman „Rayuela“ von Julio Cortázar aus dem Jahre 1963. Rayuela ist die spanische Variante des Kinderspiels Himmel und Hölle, in dem es darum geht, springend durch verschiedene Felder von einem Ort zum anderen und zurück zu kommen. Dieses Strukturprinzip hat Cortázar auf seinen Text angewandt, so dass der Leser die Rolle des Spielers einnimmt und selbst entscheiden kann welchen Weg er sich durch die, in verschiedener Weise kombinierbaren Kapitel bahnt. Dabei schlägt der Autor zwei Leseweisen vor: die lineare, also herkömmliche Leseart von Kapitel 1-56 unter Verzicht auf die Kapitel 57 bis 155, die man (wie der Autor selbst sagt) „getrost beiseite lassen kann“ und eine in „Rayuela“-Weise hüpfende, die zwischen Kapitel die Kapitel 1-54 und 56 die verzichtbaren Kapitel einschiebt und es mit Verweisungen am Ende dem Leser überlässt weitere Möglichkeiten zu suchen.
Inhaltlich steht der argentinische Intellektuelle Horacio Oliveira, der im ersten Teil des Romans (Kap. 1-36, Vom anderen Ufer) in Paris bei einer Bohémien-Gruppe, im zweiten Teil 37-56, Vom hiesigen Ufer) in Buenos Aires lebt, während der dritte Teil hauptsächlich aus Zeitungsmeldungen, Zitaten, Gedichten und Gesprächen besteht, die als Ergänzung zu den beiden anderen Teilen dienen.
Der desillusionierte und verzweifelte Argentinier ist auf der Suche nach sich selbst und einer Daseinsberechtigung, scheitert allerdings immer an seiner eigenen Handlungsunfähigkeit. Ständige Begleiterin und Geliebte Oliveiras im ersten Teil des Buches ist eine Ungarin namens „La Maga“. Die Beziehung der beiden beschränkt sich auf eine rein körperliche, denn bei den Diskussionen der intellektuellen Bohème über Literatur, Jazz, Kunst und Philosophie bleibt sie weitgehend außen vor. Im zweiten Teil setzt Oliveira seine Such in Buenos Aires fort, wo er hauptsächlich Umgang mit seinem alten Freund Traveler und dessen Frau Talita hat und das „absurde Leben“ fortsetzt. In verschiedenen Tätigkeiten sucht Oliveira Fuß zu fassen. Er arbeitet im Zirkus, dann in einer psychiatrischen Klink, wo er sich schließlich selbst ein Zimmer einrichtet um nur noch aus dem Fenster auf die im Hof aufgemalten Kreidestriche des Himmel-und-Hölle-Spiel zu schauen. In der ersten Leseversion bleibt das Ende völlig offen, die zweite deutet auf ein mögliches Weiterleben hin.
„Rayuela“ ist der experimentelle Roman par excellence Lateinamerikas, der sich inhaltlich in die europäische Tradition von Sprachkrise und deren Überwindung einordnet, aber formal durch den spielerischen Charakter und die damit verbundene “aktive” Haltung des Leser besticht.