Als ausgewiesener Salvador Dalí Fan, hat mich diese Nachricht besonders gefreut: der große Al Pacino wird den katalanischen Surrealisten in „Dali & I: The Surreal Story“ unter der Regie von Andrew Niccol spielen. Das wird die zweite Zusammenarbeit der beiden sein, denn bereits in dem Fantasy-Streifen „S1m0ne“ spielte Pacino unter Federführung von Niccol die Hauptfigur Victor Taransky. Als Grundlage für den Dalí-Film dient die Autobiographie von Stan Lauryssen, einem Kunsthändler, der mit dem Maler sehr gut bekannt war.
Der Streifen konzentriert sich auf die 60er bis 80er Jahre und zeigt vor allem die späten Jahres des 1989 verstorbenen Surrealisten, in denen er seine größten Meisterwerke schon vollendet hat und sich mehr der Selbstvermarktung widmete. Nicht nur mit seinem eigensinnigen Stil, sondern auch mit seiner schillernden Persönlichkeit und seiner offenen Unterstützung des Diktators Franco zog Dalí die Aufmerksamkeit auf sich. Der Film ist noch in der Vorbereitung, wird aber 2009 fertig sein.
Al Pacino als Salvador Dalí
Dalí’s paranoisch-kritische Methode
Wie im Kreis der Surrealisten üblich, beschäftigte sich auch Salvador Dalí mit psychopathologischen Krankheiten, besonders mit der Paranoia, und versucht diese für seine Kunst fruchtbar zu machen. In dem Essay “Der Eselskadaver” erwähnt Dalí zum ersten Mal den paranoischen Denkvorgang, als Möglichkeit „die Verwirrung zum System [zu] erheben“. Vor allem dem passiven Charakter der „écriture automatique“, die vom Unterbewussten ausgeht, will Dalí eine aktive Methode entgegensetzten, die es ermöglicht die Wahnbilder dem Unterbewussten dienstbar zu machen. Die zentrale Definition seiner kritisch-paranoischen Methode findet sich in dem Aufsatz “La conquête de l´irrationnel” [Die Eroberung des Irrationalen] von 1935 und lautet:
„(Paranoisch-kritische Aktivität: Spontane Methode irrationaler Erkenntnis, die auf der kritisch interpretierenden Assoziation wahnhafter Phänomene beruht. Das Vorhandensein aktiver, systematischer, für Paranoia typische Elemente garantiert den entwicklungsfähigen, schöpferischen, für die paranoisch-kritische Aktivität typischen Charakter. Das Vorhandensein aktiver, systematischer Elemente setzt weder willentlich gelenktes Denken noch einen irgendwie gearteten intellektuellen Kompromiß voraus, denn bekanntlich gehört bei der Paranoia, die aktive, systematische Struktur zum wahnhaften Phänomen selbst – jedes wahnhafte Phänomen paranoischen Charakters, selbst das augenblickliche, plötzliche, schließt bereits „in Gänze“ die systematische Struktur ein und objektiviert sich erst a posteriori durch Einschalten der Kritik.“ Foto: Arsenal Filmverleih
Dalí formuliert die „paranoisch-kritische Aktivität“ als „eine ordnende und schöpferische Kraft des objektiven Zufalls.“ Aber gerade der Paranoiker kennt den Zufall nicht, denn alles was um ihn herum geschieht, beschränkt sich auf seinen Erfahrungsbereich und erschöpft sich in der eigenen Bedeutung für das Ich. Im Wahn geschieht nichts zufällig, sondern es wird immer ein Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Realität hergestellt. Dalí verknüpft die Erfahrung des Zufalls, die eine „innere Finalität“ besitzt mit einer „äußeren Kausalität“.
Bei dem pathologischen Paranoiker, bei dem Wahnsystem und Realitätserfahrung identisch sind, erhält der Wahn die Aufgabe der Kritik an der Wirklichkeit und ihren gesellschaftlichen Institutionen. Kritisch-aktiv ist sie insofern, dass sie die aus der Außenwelt stammenden Vorstellungen nicht in ihrer Positivität hinnimmt, sonder er bedient sich der wirklichen Dinge, um durch leichte Veränderung an ihnen seine Ideen zu fixieren.
Visuell und ästhetisch stellt sich das paranoische Realitätsbewusstsein in Vexierbildern oder Anamorphose dar. Die Wahrnehmung sieht den Gegenstand als geteilt in eine Kette miteinander konkurrierender Bilder. Mit Hilfe der paranoisch-kritischen Methode gelingt es Dalí die in der Anfangsphase sehr konfusen Bilderreihen zu systematisieren. Zudem bekommt seine Methode durch Berufung auf wissenschaftliche und medizinische Befunde einen anscheinend ernstzunehmenden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.
Dalís Malerei nach 45
Das Jahr 1945 markiert im Werk Salvador Dalís eine radikale Kehrtwende. Nicht was die Maltechnik oder seine berühmte paranoisch-kritische Methode angeht, sondern nur die Sujets ändern sich. Auslöser hierfür ist die Explosion der Atombombe in Hiroshima am 6. August 1945. Zu dieser Zeit befand sich der Katalane bereits in den USA und war längst kein Unbekannter mehr. Seit der Katastrophe bildet das Atom Hauptgegenstand seines Denkens und er wendet sich seiner „nuklearen Mystik“ zu, die ihren „theoretischen“ Unterbau im „Mystischen Manifest“ von 1951 findet. Malerische Zeugnisse dieser neuen Richtung finden sich beispielsweise in “Leda atomica” oder “Die Spaltung des Atoms”. Atomphysik und Mystizismus widersprechen sich für Dalí keineswegs, ganz im Gegenteil: für ihn verkörpern Neuronen und Protonen geradezu das Bildnis von Christus.
Überhaupt interessiert ihn jede Art von moderner wissenschaftlicher Forschung. So ersteht er 1962 ein „elektrokulares Monokel“, ein Apparat, der in der Flugfahrt entwickelt wurde. Dieses Aufnahmegerät fängt Bilder ein und überträgt sie per Fernsehen auf ein Fernrohr, das die Rolle des Bildschirms übernimmt. Dieses Fernrohr ist so konstruiert, dass das Auge das ferngesendete Bild unterscheiden und gleichzeitig weiterhin alles normal sehen kann, was sich im Blickfeld befindet. Mit Hilfe des Prinzen Matila Ghyka, eines rumänischen Mathematikers, rechnet Dalí fast drei Monate lang die mathematischen Anordnungen aller Elemente der “Leda atomica” aus. Zudem beschäftigte sich Dalí mit der Anwendung der Kybernetik, die das Auftreten ungeheuer komplexer Hierarchien und Homöostasen – vor allem in der Biologie - erforscht. Standen vor allem in 30er Jahren die Doppel- und Mehrfachbildproduktionen im Vordergrund, wendet sich Dalí nach 45 hauptsächlich optischen Studien über die binokulare Vision zu.
Psychopathologie und Surrealismus
Neben der Beschäftigung mit dem Unterbewussten und dem Traumhaften hatten die Surrealisten auch eine ausgeprägte Neigung zur Psychopathologie. Schon André Breton beschäftig sich 1928 in seinem Roman Nadja mit der Frage wo fängt Wahn an und artikuliert seine Kritik an der Ausgrenzung des Wahns aus der Gesellschaft. „Da es bekanntlich zwischen dem Nicht-Wahnsinn und dem Wahnsinn keine Grenze gibt, bin ich geneigt, den Wahrnehmungen und Ideen des einen oder des anderen Zustandes einen ungleichen Wert zuzubilligen“ (Andre Breton, „Nadja“). In L`immaculée conception (Die unbefleckte Empfängnis) aus dem Jahr 1930 unternehmen Breton und Paul Eluard einen sprachlichen „Simulationsversuch“ über fünf Fälle der „Besessenheit“. Das Buch ist eine Zusammenstellung zahlreicher Prosatexte, worunter sich im mittleren Teil der Versuch Wahnsinn sprachlich nachzuahmen, befindet. Imitiert werden unter der Überschrift Zustände der Besessenheit, Zustände des allgemeinen Schwachsinns, des zyklischen Irreseins oder der akuten Manie, der allgemeinen und fortschreitenden oder generalisierten Paralyse, des Verfolgungswahns, Beziehungs- respektive Interpretationswahn oder der Paranoia und schließlich der Dementia praecox oder Schizophrenie. Dieses sprachliche Experiment, das versucht derartige Stimmungen und Gemütsverfassungen imaginiert herbeizuführen, lässt schon erkennen, dass es bei den Surrealisten keine scharfe Grenzziehung in Bezug auf die Kategorie „normal“ oder „abnormal“ besteht.
Auch Salvador Dalí, der seit 1929 Mitglied in der Gruppe um Breton ist, interessiert sich für wahnhafte Krankheitsbilder und entdeckt für sich das kreative Potential der Paranoia. Zu Anfang stellt Dalí den „paranoischen Denkvorgang“ noch als gleichwertige Ausdrucksform neben das „automatische Schreiben“ und die Traumprotokolle der Surrealisten, entwickelt daraus aber bald sein ganz eigenes Werkzeug.
Bei der Paranoia handelt es sich um einen Deutungswahn, der sich entweder in Verfolgungswahn oder Größenwahn manifestiert, wobei der Betroffene alles Geschehen auf sich bezieht. Im Unterschied zu anderen Geisteskrankheiten tritt die Paranoia durch ein völlig geordnetes, in sich klares, zusammenhängendes Wahnsystem auf. Das Differenzierungsmerkmal der „relativen Unverständlichkeit“ des schizophrenen Denkens gegenüber der „relativen Verständlichkeit“ des paranoischen Wahns macht diesen für die Surrealisten so interessant. Gerade in dem Systemcharakter, der eine immanente Logik, wenngleich bei falschen Axiomen aufweist, sah der Surrealismus die produktive Rolle des Wahnsystems im Gegensatz zu den von Nützlichkeitserwägungen bestimmten Alltagserfahrungen. Er erklärt das Krankhafte für das Schöpferische, das Irrationale für das Rationale. Der Wahn verfügt über ein größeres Phantasiepotential und ist somit der Wirklichkeitserkenntnis überlegen.
Der grundsätzliche Unterschied zur psychiatrischen Definition der Paranoia liegt vor allem darin, dass Dalí von der Paranoia einen ästhetisierenden, poetischen Gebrauch macht, um schließlich 1935 der Welt seine „paranoisch-kritische Methode“ präsentieren zu können.
Das Vexierbild bei Dalí
Wie kein zweiter verstand es Salvador Dalí sich und seine Malerei neu zu erfinden. Gerade der spielerische Charakter an der Kunst interessierte ihn und so verwundert es nicht, dass eine ganze Reihe seiner Gemälde als Vexierbilder konstruiert sind. Solche „Rätselbilder“ gibt es schon seit dem Mittelalter, aber kaum ein Maler hat das Ineinander- oder Nebeneinanderschachteln verschiedener Motiv so virtuos beherrscht wie der exzentrische Katalane. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Vexierbildern bei Dalí unterscheiden. Das eine Schema folgt der Vielheit als Einheit: das Aufeinander- und Ineinanderschieben von zwei oder mehreren Motiven bewirkt einen Funktionswechsel der Konturen, durch den dann Doppel- oder Mehrfachbilder zustande kommen. Nur der Blick des Betrachters entscheidet, wie viele der möglichen Bilder und welche der dargestellten Motive er in welchem Moment sieht. Das Auge kann die Bilder nicht gleichzeitig sehen, da das Konstruktionsprinzip gerade auf dem Wechsel von Nähe und Ferne basiert. Das erste Bild, das nach diesem Prinzip konzipiert wurde, ist das Bild L´homme invisible (Der unsichtbare Mann) von 1929.
Bei der zweiten Art von Vexierbildern wird die Einheit als Dualität bzw. Mehrheit konstruiert. In diesen Bildern sind alle Motive auf der Leinwand gegenwärtig und können gleichzeitig gesehen werden. Cygnes réflétant des éléfants (Schwäne spiegeln Elefanten). Die Beispiele ließen sich noch weiter fortführen, aber grundsätzlich funktionieren alle Rätselbilder nach diesen beiden Prinzipien.
Für Dalí war das Vexierbild die ideale Ausdrucksmöglichkeit, um die Problematik der Verortung der Objekte im Raum zum Ausdruck zu bringen. Durch die Auflösung der festen Raumstrukturen wird dem Betrachter direkt vor Augen geführt, dass es keine festgelegte Sicht der Wirklichkeit geben kann und folgt somit ganz der Maxime des Surrealismus, die Herrschaft der Logik aufzuheben.
Webtipp: Mallorca Makler