2. Juli 2008

Echt getürkt!

Kategorie: Kultur und Lifestyle Allgemein — Nic Knatterton @ 17:41

Wer sich schon immer gefragt hat woher der Ausdruck „getürkt“ stammt, soll an dieser Stelle aufgeklärt werden. Den politisch nicht ganz korrekten Ausdruck verdanken wir dem Ingenieur und Tüftler Wolfgang von Kempelen, der im Jahre 1769 die erste vermeintlich schachspielende Maschine erfand.

Der Sekretär am Hofe Maria Theresias war ein wahres Genie, der nicht nur anakreontische Lyrik verfasste, sehenswerte Radierungen schuf, sondern auch eine Schreibmaschine für Blinde und einen Sprechautomaten konzipierte. Auf Anregung der Herrscherin, die es liebte in ihrer Freizeit zerstreut und unterhalten zu werden, begann Kempelen mit der Konstruktion des Schachautomaten, den er sechs Monate später einem ausgewählten Publikum am Wiener Hof präsentierte. Die auf der Maschine montierte, lebensgroße Puppe in türkischer Tracht, so postulierte Kempelen, habe das schwerste aller Spiele, das Schach, erlernt. An der Vorderseite befand sich das Schachbrett mit Metallfiguren, darunter drei Türen und eine Schublade. Vor jeder Vorstellung öffnete Kempelen die beiden Abteilungen, um das Innere des Kastens vorzuzeigen. Das Publikum bekam ein Gewirr aus Walzen, Hebeln und Zahnrädern verschiedenster Größe zu sehen. Zusätzlich durchleuchtete er die Abteilungen des Automaten mit einer Kerze um zu beweisen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Was die Leute allerdings nicht sahen, war, dass sich im Inneren ein kleinwüchsiger Mann verbarg, der die Hand der Puppe lenkte. In brillanter Zauberermanier wurde durch ein System von Spiegeln die Illusion erweckt, der Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. Danach wurde ein Freiwilliger aus dem Publikum ans Schachbrett gebeten um gegen den Türken zu spielen. Die Puppe begann sich selbständig zu bewegen und bei jedem Zug war ein Rasseln und das Ächzen der Zahnräder zu hören. Versuchte der Gegner den leblosen Partner durch einen unzulässigen Zug zu irritieren, stellte der Automat die falsch gesetzte Figur auf das Ausgangsfeld zurück. „Schach“ kündigte der Türke durch ein dreimaliges Nicken an, nach dem „Matt“ verfiel er in eine starre Ruheposition.

Nach der erfolgreichen Premiere des Schachautomaten, rissen sich die Menschen darum einer Vorstellung beizuwohnen. Die Popularität des Türken stieg im rasenden Tempo, zumal er fast jeden Gegner schlug. Bald wurde Kempelen der Ruhm und das Interesse an seiner Maschine, die als Wunderwerk gefeiert wurde zu groß. Aus Angst der Trick seines „getürkten“ Schachautomaten, könne auffliegen, zog Kempelen den Automaten mit der Begründung er sein irreparabel beschädigt aus dem Verkehr. Bis heute weiß keiner, welches Schachgenie sich im Inneren des Automaten befand.