Ganz im Zeichen des existentialistischen Freiheitsbewußtsein steht der Erstlingsroman „L’invitée“ („Sie kam und blieb“) von Simone de Beauvoir aus dem Jahre 1943. Als Hintergrund zu diesem Beziehungsroman muss die Freund- und Liebschaft der Autorin zu Jean-Paul Sartre genannt sein. Die beiden lernten sich 1929 während des Studiums an der Sorbonne kennen und unterhielten von da an eine lebenslange Beziehung, die allerdings ohne Heirat, gemeinsame Wohnung oder sonstigen bürgerlichen Zwängen auskam.
Im Mittelpunkt der Handlung steht in „Sie kam und blieb“ die Beziehung zwischen dem Schauspieler und Regisseur Pierre Labrousse und der Schriftstellerin Francoise Miquel und folgt ganz den unkonventionellen Vorstellungen der Autorin über ein ideales Zusammenleben zwischen Mann und Frau. Die Liebe der beiden ist auf gegenseitige Anerkennung, Freiheit und Aufrichtigkeit gegründet. Das harmonische Zusammenleben der intellektuellen Bohemiens wird allerdings durch die Ankunft von Xavière, einer Freundin von Francoise, die sie bei sich aufnimmt, getrübt. Xavière, widerspruchsvoll, zwischen schlechter Laune und überschäumender Fröhlichkeit, Hilflosigkeit und Trotz schwankend, enthüllt allmählich ihren grenzenlosen Egoismus.
Allerdings beginnt Pierre, sich für die junge Femme fatal zu interessieren, so dass aus der anfangs so harmonischen Zweierbeziehung ein Trio wird. Francoise sieht sich immer mehr in die Rolle der Rivalin gedrängt, die sich des intriganten und eitlen Charakters Xaviers nicht anders zur Wehr setzten kann, als sie mit en eigenen Waffen zu schlagen. Von Eifersucht, Erniedrigung und schließlich Hass getrieben, sieht sie keinen anderen Ausweg und tötet Xavière mit Gas. Der Mord als Akt der Selbstbefreiung lässt sie letztendlich wieder zu ihrem eigentlichen Selbst zurückfinden. Zwar ist der Roman nicht gerade reich an Handlung, aber das psychologische Spiel der Figuren und die analytischen Reflexionen Francoise machen den Text lesenswert. Ebenso das Milieu der intellektuellen Boheme in Paris zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist atmosphärisch und realistisch dargestellt.