5. Juli 2008

Wortschöpfung “Surrealismus”

Kategorie: Literatur, Surrealismus — Dr. Marcuse @ 12:11

Einer breiten Masse bekannt, ist der Surrealismus durch die bildende Kunst, die ausschlaggebenden Impulse allerdings gehen von der Literatur aus. Erstmals verwendet Guillaume Appolinaire 1917 den Ausdruck “surrealistisch”, um zwei Bühnenereignisse zu charakterisieren, die damals Premiere hatten. Bei dem ersten handelt es sich um Jean Cocteaus Ballett Parade, für das Eric Satie die Musik geschrieben und Picasso die Kostüme und den Vorhang gestaltet hatte. Das zweite war sein eigenes Stück Les Mamselles de Tirésias, das den Untertitel „surrealistisches Drama“ trägt. Darüber hinaus hat Appolinaire in einem Vorwort zu der 1918 erschienenen Ausgabe seines Dramas eine genauere Erläuterung des Begriffs gegeben. Appolinaire versteht darunter nicht einen Begriff mit symbolischer Bedeutung, sondern eine Kunstrichtung, die statt bloßer Nachahmung der Wirklichkeit, vielmehr das Wesen der Wirklichkeit selbst zum Ziel hat. Der elsässische Dichter Yvan Goll hat dann das von Appolinaire geprägte Adjektiv “surrealistisch” im Zusammenhang mit seinem Essay-Band “Die drei guten Geister Frankreichs” von 1918 mit dem Begriff Überrealismus ins Deutsche übertragen und wenig später in einer Rückübersetzung als „Surrealisme“, im Sinne einer Stilbezeichnung ins Französische eingeführt. In der einzigen Ausgabe, der von Goll herausgegebenen Zeitschrift mit dem Titel „Surréalisme“, wurde 1924 ein „Manifest des Surrealismus“ veröffentlicht, der Surrealismus als einen Stil bestimmt, „…der sich die künstlerische Formulierung der Wirklichkeit zur Aufgabe stellt.“

Eine endgültige Definition liefert André Breton im ersten surrealistischen Manifest, ebenfalls aus dem Jahre 1924 und spezifiziert den Begriff, indem er ihn in Zusammenhang mit den Schlüsselworten „psychischer Automatismus“ und „Traumzustand“ bringt. Hier findet sich dann die zentrale, fast lexikalische Definition des Surrealismus:
Surrealismus. Subst., m. – Reiner psychischer Automatismus. durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft. jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.
Enzyklopädie. Philosophie. Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser. bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen. an die Allmacht des Traumes. an das zweckfreie Spiel des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstörung aller anderen psychologischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächlichen Lebensprobleme an ihre Stelle setzen.

Surrealismus bedeutet somit für Breton zum einen, ein poetisches Verfahren, zum anderen eine Lebenshaltung, die ein umfassenderes Wirklichkeitsverständnis fordert. Die Kunst kann also ein Gegenmittel für die unterdrückten Fähigkeiten, speziell der Imagination, bilden.