Eine der genialsten Erzählungen von Jorge Luis Borges ist meiner Ansicht nach Tlön, Uqbar, Orbis Tertius. Der einleitende Text des Bandes „Ficciones“ aus dem Jahre 1944 kann als das Paradebeispiel von Borges’ Neophantastik angesehen werden. Ganz ohne Geister, Gespenster oder Ufos kreiert der Ich-Erzähler Borges mit den Mitteln der Rationalität und Logik ein ganz neues Land.
Ausgangspunkt der Geschichte ist eine abendliche Diskussion zwischen Borges und seinem Freund Adolfo Bioy Casares fällt der Name Uqbar. Auf der Suche nach Hinweisen über dieses mysteriöse Land finden beide schließlich eine Reihe von Informationen in der Anglo-American Cyclopedia, die ebenso wie weitere Quellen vom Autor frei, aber überzeugend erfunden sind. Auf der Suche nach Beweisen für die Existenz des Imaginären Landes, stößt der Ich-Erzähler auf eine Enzyklopädie von Tlön. Die Weltsicht der Bewohner Tlöns ist von einem rigiden Idealismus geprägt: in ihrer Sprache gibt es keine Substantive, an Stelle der Metapysik haben die Tlönisten die phantastische Literatur gesetzt. Entstanden ist das Reich als Erfindung einer Geheimgesellschaft des 17. Jahrhunderts, deren Pläne von einem reichen Amerikaner schließlich realisiert worden seien. In einem Nachtrag von 1947, der ebenso wie die vielen Fußnoten im Text als Beglaubigungsstrategie des Erzählten dienen, wird das allmähliche Eindringen des Tlönismus in die reale Welt verkündet.
Durch das Spiel mit philosophischen Ideen, fernöstlichen Weisheiten und deren paradoxen Umdeutungen gepaart mit fiktiven Quellen und Büchern entsteht so ein kohärentes Konstrukt aus Wirklichkeit und Fiktion. Allerdings sollte der Leser sich nicht auf die Suche nach Authentizität der unglaublich zahlreichen Zitate und Anspielungen machen, denn das verdirbt das Lesevergnügen gewaltig.











